Kammerchor St. Lamberti sang Messe von Antoine Brumel
Zwölf Stimmen lassen ein Erdbeben erklingen

Münster -

„Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben . . .“ Jesu Grab wird geöffnet, und die Erde erzittert. In der Lambertikirche war am Sonntag zu hören, wie der Renaissance-Meister Antoine Brumel dies Ereignis imaginierte und in Töne setzte. Genauer: in das feine, ausufernde Geäst der zwölf (!) Stimmen seiner „Erdbeben-Messe“ (Missa: Et ecce terrae motus). Was Alexander Toepper und der Kammerchor St. Lamberti wunderbar aufführten, war mit ziemlicher Sicherheit noch nie in Münster erklungen.

Dienstag, 21.04.2015, 07:04 Uhr

Premiere: Der Lamberti-Kammerchor unter Leitung von Alexander Toepper sang Brumels „Erdbeben-Messe“.
Premiere: Der Lamberti-Kammerchor unter Leitung von Alexander Toepper sang Brumels „Erdbeben-Messe“. Foto: zin

Damit nicht genug. Der Kammerchor bewältigte nicht nur die immensen Anforderungen des Werkes – er lotete die Musik auch ergreifend aus. Selbst im üppigen Angebot münsterscher Sa­kralkonzerte war diese Rarität ein Ereignis, das nicht nur Renaissance-Liebhaber begeistert haben dürfte.

Der 24-jährige Organist Marcin Milosz Grzegorczyk flocht zwischen den Messteilen Improvisationen ein, die sich thematisch anschmiegten, musikalisch aber mit aller Raffinesse und Klanggewalt der Moderne zu Werke gingen. Dass der junge Musiker bei Tomasz Adam Nowak studiert hat, meinte man seiner inspirierten Darbietung durchaus anzuhören.

Der Name Antoine Brumel (ca.1460-1515) dürfte vielen nichts sagen. Dass der weit berühmtere Orlando di Lasso eine Abschrift der „Erdbeben-Messe“ bestellte, die heute die einzige historische Quelle ist, spricht für sich. Im Vergleich zu Lassos Musik wirkte die Brumel-Messe verblüffend licht und schwebend; das subtile polyphone Geflecht von einer entrückten Freude beseelt.

Und das Beben? Das kam musikalisch so subtil daher, wie es nur geht. Ein siebentöniger Kanon (Antiphon aus den Laudes am Ostersonntag ) wird von Brumel als Fundament gelegt. Aus diesen Tönen entwickelt er sein rhythmisch vertracktes Stimmgeflecht, enge Verzahnung oder auch weite Tonsprünge. Die zwölf Stimmen schaffen eine Musik, die statisch, doch zugleich irrlichternd klingt. Und das Fundament beginnt zu wanken.

Die Orgel aber fährt furios dazwischen, scheut weder illustrative Lautmalerei noch idyllische Süße („und der Engel des Herrn stieg vom Himmel herab“). Dräuende Bässe wuchten den Stein von der Grabtür – und nach solch brausendem Orgelfinale wirkt Brumels Agnus Dei umso entrückter.

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