„Half past selber schuld“ überzeugt
Pinocchio, der Kriegstrommler

Münster -

Er wirkt wie eine Mischung aus mickrigem Greis und trotzigem Kind: Pinocchio Sanchez, eine blassblaue Figur mit diabolisch-roten Augen, die es furchtlos mit der ganzen Welt aufnimmt. Ilanit Magarshak-Riegg und Sir Ladybug Beetle, alias „Half past selber schuld“, bringen die Geschichte des Waisenkindes als skurriles Figurentheater auf die Bühne des Pumpenhauses. Ein fantastischer „Bühnencomic für Erwachsene“, der wirkt wie eine Mischung aus Kriminalstück, Splatter-Movie und sozialkritischer Groteske.

Sonntag, 10.05.2015, 17:05 Uhr

Hinter den putzigen Figuren verbergen sich bei „Half past selber schuld“ schwarz verhüllte Puppenspieler. Sie boten im Pumpenhaus perfekt getimtes Figurentheater.
Hinter den putzigen Figuren verbergen sich bei „Half past selber schuld“ schwarz verhüllte Puppenspieler. Sie boten im Pumpenhaus perfekt getimtes Figurentheater. Foto: Krischan Ahlbor

Mit Carlo Collodis Holzpuppe, der berühmten Kinderbuchfigur, die das Künstlerkollektiv zu „Pinocchio Sanchez“ inspirierte, hat dieser gewaltbereite kleine Kerl wenig zu tun. Auch wenn ein Archäologenteam herausfindet, dass es diesen Pinocchio tatsächlich gab. Seine „wahre Geschichte“ ist wesentlich düsterer: Mit sechs Jahren hört das italienische Waisenkind auf zu wachsen, wird Ende des 18. Jahrhunderts vom Erziehungspersonal als chancenlos abgetan und erbettelt als Jugendlicher, auf der Straße singend, seinen Lebensunterhalt.

Die Begegnung mit einem anderen Straßenjungen bringt ihn auf die Idee, sich Napoleons Armee beim Russlandfeldzug anzuschließen – nicht als Soldat, sondern als Kriegstrommler ( Oskar Matzerath lässt grüßen). Da hat ihm eine blau-gescheckte Kuh bereits die Nase abgeschlagen. Als ihm eine Kanonenkugel auch noch die Beine zerschmettert, sägt ein irrer Schreiner mit Frankenstein-Visionen die Glieder ab und montiert Holzprothesen. Damit kommt Sanchez der Puppe um einiges näher, findet im Zirkus seine erste und einzige Heimat, bis er auf der Bühne unerwartet stirbt.

Untermalt von melancholischen Songs und atmosphärischen Geräuschen bringen acht schwarz verhüllte Puppenspieler fesselndes, perfekt getimtes Figurentheater auf die Bühne, wie man es für Erwachsene selten sieht. Faszinierend und abwechslungsreich ist die Dramaturgie aus Schattenspiel, Objekttheater und musikalischen Szenen; die skurrile Figurenzeichnung spiegelt sich auch in Puppen und Kostümen wider.

Ein originelles Theatererlebnis mit Tiefgang, das leider zu wenig Zuschauer anzog. Das Pumpenhaus war gerade mal halb gefüllt – schade.

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