Kirchenhistoriker Arnold Angenendt publiziert ein Buch über „Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum“
Ein Buch mit viel Zündstoff

Münster -

Zwischen Zwängen und Befreiung, Ausbeutung und Gleichberechtigung, Angst und Freude: Auf diesem unsicheren und von Gewissensqualen belasteten Terrain bewegte sich seit Jahrhunderten die menschliche Sexualität. Mit ihr schwanken die Moralvorstellungen darüber, was gottgewollt, richtig, falsch oder sündhaft sei. Der emeritierte münsterische Kirchenhistoriker Prof. Dr. Arnold Angenendt (81) hat dieses steinige Feld jetzt in einem neuen Buch beackert: Das Opus mit dem Titel „Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum. Von den Anfängen bis heute“ erweist sich als messerscharfe Analyse historisch bedingter kirchlicher Vor- und Fehlurteile über Sexualität und zugleich als ein Plädoyer für die durch das Christentum beförderte Vorstellung von der gleichberechtigten personalen Liebe zwischen Mann und Frau.

Mittwoch, 09.09.2015, 18:09 Uhr

Prof. Dr. Arnold Angenendt seziert in seinem Buch mit historischer Akribie längst überholte kirchliche Moral-Vorstellungen und wirbt für eine neue, wissenschaftlich fundierte und zugleich humane Sicht auf die Sexualität.
Prof. Dr. Arnold Angenendt seziert in seinem Buch mit historischer Akribie längst überholte kirchliche Moral-Vorstellungen und wirbt für eine neue, wissenschaftlich fundierte und zugleich humane Sicht auf die Sexualität. Foto: Jürgen Christ

„Umfragen ergeben, dass für rund 90 Prozent der jungen Leute eine stabile Partnerschaft nach wie vor ein erstrebenswertes Ideal ist, wobei 40 Prozent der Ehen scheitern“, unterstreicht Angenendt , der sich lange mit dem Stoff beschäftigte. „Wirklich neu für mich war die sozioökonomische Situation, die zu moralischen Urteilen führte“, erläutert er. Die Frauen befanden sich bis zur neuesten Neuzeit wirtschaftlich, sozial und medizinisch stets in der Rolle der Benachteiligten. „Nehmen Sie Albrecht Dürers Mutter als Beispiel! Mit 15 verheiratet, 18 Kinder bekommen, drei haben überlebt!“ Angen­endt bilanziert: „Für die Frauen blieb keine Chance.“ Die Männer waren in diesen ungleichen Beziehungen die älteren, besser gebildeten und schon im Beruf stehenden Ernährer.

Im Gegensatz zu den bis in unsere Zeit gepredigten Moralsätzen, dass Verstöße hinsichtlich des sechsten Gebotes generell schwer sündhaft seien, deutet Angenendt auf das Neue Testament: „Es sagt nichts aus über vorehelichen Geschlechtsverkehr oder Onanie. Dagegen findet sich an vielen Stellen das zentrale Gebot der Nächstenliebe!“

Seit der Antike bis hinein in die Scholastische Theologie herrschte laut Angenendt die Meinung, dass der Samen des Mannes bereits den fertigen „Homunkulus“, also ein kleines Menschlein, enthalte und die Frau sozusagen nur die Ackerfurche für den Samen bilde. Dies war der Grund für die Verdammung jedweder Form von „Samenverschwendung“, sei es durch Selbstbefriedigung, Homosexualität oder Empfängnisverhütung. Längst aber gelte die Erkenntnis der Wissenschaft, dass die Natur sich ohnehin selbst verschwendet und Mann und Frau bei der Zeugung auch rein biologisch und genetisch gesehen Partner auf Augenhöhe sind.

Was nun bedeuten die Erkenntnisse des Kirchenhistorikers für die Familiensynode in Rom ? Die Unauflöslichkeit der christlich geschlossenen Ehe steht für Angenendt nach neutestamentlichem Befund nicht in Frage. Gleichwohl votiert er bei Wiederverheirateten für Barmherzigkeit und damit für die Teilnahme an den Sakramenten.

Angesichts der Not in vielen Ehen und der Zahl der Scheidungen regt der Kirchenhistoriker und Priester eine Wiederbelebung der Verlobungszeit als Erprobungsphase für die später zu schließende, verbindliche Ehe an. Die Erkenntnisse der Medizin – auch zur Empfängnisverhütung – würdigt Angenendt – anders als die kirchliche Lehrmeinung – als soziale und gesundheitliche „Entlastung“. Vor allem im Blick auf die frühere Abhängigkeit der Frauen gegenüber ihren Männern und ein Leben, das nach kaum begrenzbarer Kinderzahl früh erlosch.

Eine neuerdings gerade von Bischöfen formulierte Mystifizierung des Zölibats fällt bei Angenendt historisch durch. „Priester und Bischöfe der ersten christlichen Jahrhunderte waren selbstverständlich verheiratet.“ Zumal gerade Jesus die Vorstellungen von einer wie immer gearteten kultischen Unreinheit durch Sexualität und Fortpflanzung überwunden habe. Der Zölibat und der damit einhergehende Mangel an Priesteramtskandidaten wirkt laut Angenendt „ruinierend“, und er fragt: „Warum nicht in Ehe und Familie bewährte Männer, die viri probati, zum Priesterdienst zulassen, wo doch die Liturgie und speziell die von Priestern zu leitende Eucharistie das Zen­trum des christlichen Lebens sein sollen?“

Zum Thema

Arnold Angenendt: „Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum.“ Aschendorff-Verlag, Münster, gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag, 324 Seiten, 19.90 Euro.

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