Interview mit Klaas Heufer-Umlauf und Mark Tavassol
Gloria und das Gummihuhn von Gottlieb Wendehals

Münster -

Der eine ist bekannt wie ein bunter Hund, der andere hat Bass in der Band „Wir sind Helden“ gespielt. Zusammen nennen sich Klaas Heufer-Umlauf und Mark Tavassol „Gloria“. Vor Kurzem ist ihr zweites Album „Geister“ erschienen. Mit dem gleichnamigen Lied sind sie beim Bundesvision-Song-Contest aufgetreten und Ende Oktober kommen sie im Rahmen ihrer Tournee nach Münster. Unser Redakteur Carsten Vogel hat mit beiden gleichzeitig telefoniert.

Mittwoch, 30.09.2015, 15:09 Uhr

Gloria: „Wir sind Helden“-Mitglied Mark Tavassol (l.) und TV-Moderator Klaas Heufer-Umlauf kommen mit ihrer Band Ende Oktober im Rahmen ihrer „Geister Tour“ auch nach Münster und präsentieren Songs aus ihren beiden Alben.
Gloria: „Wir sind Helden“-Mitglied Mark Tavassol (l.) und TV-Moderator Klaas Heufer-Umlauf kommen mit ihrer Band Ende Oktober im Rahmen ihrer „Geister Tour“ auch nach Münster und präsentieren Songs aus ihren beiden Alben. Foto: K. Hintze

46 Punkte beim Bundesvision-Song-Contest. Souveräner Neunter. Wie fühlt es sich an hinter Yvonne Catterfeld gelandet zu sein?

Klaas: Nicht schlimm. Es war sogar Jeanette vor uns.

Mark: (lacht)

Klaas: Es schauen viele Leute und zu und wählen, was ihnen gefällt. Das ist nun mal so. Dafür, dass wir als Band noch gar nicht so lange rumrennen und einen untypischen Song anbieten, finde ich das nicht schlimm. Nicht Letzter zu werden, das war wichtig. Ich war mit der Inszenierung zufrieden, die Vorhänge sind heruntergefallen, wie wir uns das vorgestellt haben: Das war mein größeres Problem.

Mark: Ich glaube, dass so eine Sendung auch eine Radiopräsenz widerspiegelt. Im Prinzip kannst du vorher abschätzen, wer vorne landet. Das weiß auch ein Ferris zum Beispiel. Mark Forster weiß vorher, dass er gewinnt. Es ist ja kein Zufall, dass er als letzter Act auftritt.

Untypisch für dieses Event, ja. Eure Musik hat wenig mit dem Pop von „Wir sind Helden“ gemeinsam. Woher kommt die Melancholie?

Es rauscht, knackt und brummt in der Leitung, als würde sich jemand einen Kaffee aufbrühen.

Klaas: Ich weiß nicht, was Mark da gerade macht, ob er seine Küche umräumt, aber hör mal auf damit, das nervt alle.

Mark: (lacht) Ich muss mal eben die Milch aufwärmen, dann kann ich auch einen Kaffee trinken.

Carsten : Ich trinke ihn schwarz.

Klaas: (lacht) Wir haben uns nicht die Musik ausgesucht, die wir machen wollten. Es hängt damit zusammen, welche Musik einen berührt. Das ist die Musik, die dabei herauskommt, wenn wir zusammen sind. Es gab mal zwei oder drei Ansätze – lange ist es her - für einen fast fröhlichen Song. Aber das haben wir schnell beendet. Wir haben sehr strenge Regularien, was auf unser Album kommt und was nicht. Das ist vielleicht das Geheimnis, warum es klingt, als sei es aus einem Guss.

Konzert

Gloria, 23. Oktober, 20.30 Uhr, Skaters Palace, Dahlweg 126. Vorband: Ben Galliers .

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Es gibt eine Anspielung an John Lennons „Life is what happens while you are busy making other plans” in eurem Song „Das, was passiert”. Elvis Costello sang mal über John Lennon in dem Song „The Other Side Of Summer”: „Was it a millionaire who said imagine no posessions?”. Sind es nicht ausgerechnet zwei Leute mit proppevollen Terminkalendern, die hier singen „Leben ist das, was passiert, wenn du woanders so beschäftigt bist”?

Klaas: Deswegen ist es unser Problem. Wenn man den ganzen Tag zur freien Verfügung hat und nicht weiß, was man machen soll, genießt man die Sachen intensiver, die man wirklich tun möchte. Läuft man von einem Termin zum anderen, muss man überprüfen, ob es wirklich das ist, was man will, vor allem, wenn man Tage, Wochen, Monate oder Jahre damit beschäftigt ist. Mir fällt ein Zitat von Josef Hader dazu ein (unterbricht sich selbst) – Mark, hör mal auf da rumzuknacken...

Mark: Ich mache doch gar nichts, ich laufe nur hin und her.

Klaas: Dann hör auf zu laufen.

Mark: (lacht) Ich bin das nicht. Bin ich das wirklich?

Carsten: Hört ihr das auch? Diese Stille?

Klaas: (lacht) So ist es schön, Mark. Josef Hader wurde mal gefragt, ob er sich auf seine Film-Premiere freue. Und er hat geantwortet, dass er sich nicht so sehr freue, weil am nächsten Tag ja keine mehr sei. Das ist bei mir hängengeblieben. Wenn du alles auf einen Moment konzentrierst, muss sich die ganze Freude entladen, die man sich auf dem steinigen Weg dahin erhofft hat. Dann geht das Prinzip, dass das Glück dem Gefühl um Längen voraus ist, einfach nicht mehr auf. 

Bleibt nicht trotzdem das Privatleben auf der Strecke?

Klaas: Das kann ich nur aus meiner Sicht beurteilen. Obwohl ich mehrere Projekte nebeneinander laufen habe, bekomme ich das trotzdem gut hin. Es gibt Tage, an denen man grübelt, wie man es schafft. Ich versuche aber bürgerlich zu bleiben. Ich fahre seit zehn Jahren den gleichen Weg zur Arbeit. Wenn man mal die Arbeitszeiten von anderen – beispielsweise einer Krankenschwester, die zwölf Tage am Stück arbeitet und dann drei Tage frei hat – auf ein T-Shirt oder Tour-Plakat drucken würde, dann sähe das genauso beeindruckend aus. Aber da wird es einfach so hingenommen. Ich habe großen Respekt vor der Lebensorganisation dieser Leute. 

Ist es eher ein Fluch oder ein Segen, dass gerade Klaas so bekannt ist oder lautet der Tenor eher: Ohne diese Berühmtheit hätten „ Gloria “ keine Chance?

Klaas: Die Vor- und Nachteile neutralisieren sich. Aufmerksamkeit ist gut, die braucht jede Band. Während andere sich diese über Jahre erspielen müssen, müssen wir keinen Hehl daraus machen, dass sie einfach da ist, egal wie zurückhaltend wir auch beim ersten Album gewesen sind. Ob aus Voyeurismus oder Interesse ist dabei egal, bei der Musik muss das jeder für sich selbst entscheiden. Aber wir starten auch mit fünfzig Prozent Minuskredibilität. 

Jetzt habt ihr beim Bundesvision-Song-Contest ja fett aufgefahren, sechs Blasmusiker, die an den besorgten Bürger Harald Ewert aus Lichtenhagen erinnerten. Kommen die mit auf Tour?

Mark: Bläser werden wir nicht mitnehmen können, weil wir bereits voll beladen sind: Wir sind mit zehn Leuten unterwegs. Wenn wir die Mittel und Kapazitäten hätten, wäre das der Traum einer jeden Livebesetzung. Eines muss ich dazu auch noch sagen: Die sechs jungen Männer Anfang 20 musste man wirklich überreden, das zu machen. Politisch fanden sie das voll cool, aber das erste Mal für zwei Minuten im Fernsehen und dann mit vollgepinkelter Hose? Einer ist noch abgesprungen und der Ersatzmann war total schüchtern. Als die dann bei der Generalprobe auftauchten, waren sie mit einem Schlag, die coolsten Säue im Stall.

Klaas: Die sind nachher so sogar zur Aftershowparty gegangen.

Mark: Das hat etwas Theaterhaftes, etwas Provokantes und ist auch ein politisches Statement.

Ein anderes Lied „Stolpersteine” nimmt Bezug auf den Künstler Gunter Demnig. Es ist euch mit diesem Album schon ein Anliegen, bewusst politisch zu sein.

Mark: Für uns ist es ein Bedürfnis auf Nachfrage hin zu erläutern, was wir mit unseren Songs sagen wollen. Es gibt viele Bands, die sich kryptisch ausdrücken. Ich bin mir sicher, dass es einige Künstler gibt die selber nicht wissen was sie sagen wollen. Das Feuilleton hat sie nur noch nicht enttarnt!  .„Stolpersteine“ ist ein Song, der ohne den Titel nicht verstanden werden würde. Da für uns das Thema aber so wichtig war, haben wir gesagt, dieses Lied braucht den Schlüssel im Titel. Wir wollten nicht, dass man rätseln muss oder jemand etwas anderes interpretiert. Dieser Titel hat seine Erklärung quasi ab Werk mitbekommen.

Im Oktober seid ihr im Skaters Palace. Wäre eure Musik nicht eher etwas für eine intimere Atmosphäre mit Kerzenschein?

Klaas: Doch, das geht. Wir werden teilweise in noch größeren Locations spielen. Ich denke man sollte das Publikum und dessen Aufmerksamkeit nicht unterschätzen. In der Ruhe liegt zwar die Kraft, aber die Kraft ist auch darstellbar auf einer großen Bühne.

Van Morrison ist die Tage 70 Jahre alt geworden. Habt ihr eine Ahnung, warum ich das erwähne?

Mark: Nein, nicht wirklich. 

Der hat ein ganz berühmtes Lied mit seiner Band Them gesungen, das heißt „Gloria“

Klaas: Ah, alles klar, da hätte man drauf kommen sollen.

Mark: Das hätten wir vorher mal googeln sollen. Ich kenne Van Morrison nur als Van Morrison und nicht mit seiner Band. Damals bin ich an „Astral Weeks“ hängen geblieben. Aber ich bin nicht so firm in seiner restlichen Biografie und in seinem Oeuvre. Es gibt doch auch von Mando Diao einen Song, der so heißt.

Viel spannender ist aber, wie seid ihr auf den Bandnamen gekommen?

Klaas: (lacht) Nicht schlecht diese Einleitung. Als Jugendlicher war man in Bands, die einen coolen Bandnamen haben mussten, bevor man den ersten Ton angeschlagen hat. Jetzt ist es genau andersherum. Wir haben Musik gemacht und uns hat keiner wegen eines Namens belästigt. Dann hatten wir einen Plattenvertrag, die Tour war gebucht, die Platte fertig und in den Mails an uns wurde deutlicher, dass wir uns langsam mal einen Namen einfallen lassen sollten. Wir haben gemacht, was uns logisch erschien: Zwischen der Wohnung und dem Aufnahmestudio gibt es ein Bistro, das „ Gloria “ heißt und da waren wir – ich glaube – acht Mal am Tag. Letztendlich besteht unser Körper zu achtzig Prozent aus dem, was dort angeboten wird. Es ist also quasi Teil der Band. 

Vollendet folgenden Satz: Ein von Klaas entworfenes Tattoo verhält sich zu Gloria wie ein…

Klaas: Das muss ich wohl beantworten (lacht): Ich schreibe selten „Gloria“-Songs während ich telefoniere – bei Tattoos ist das anders. 

Hast du gerade eins entworfen?

Klaas: Nein, jetzt gerade nicht. Manchmal male ich eins davon, wie ich mir den Interviewer vorstelle (lacht). 

Schade, das hättest du mir schicken können. Letzte Frage: An Münsters Lambertikirche hängen drei Käfige. Wenn ihr heute jemanden dort einsperren könntet, wer wäre das?

Mark: Das ist doch eine Fangfrage. Da kann man nur so etwas Albernes antworten wie: Das Gummihuhn von Gottlieb Wendehals. Oder weißt du etwas, was man da reinstellen kann?

Klaas: Einen Hasen vielleicht.

Mark: Wir würden die Käfige umgestalten, extrem komfortabel machen und als Aussichtsplattform für die Stadt anbieten.

Klaas: Und wenn das architektonisch nicht möglich ist, dann Joko (lacht).

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