Dada-Stück beim „Hör-Spiel“ im Cuba
Gutbürgerliches Wohnzimmer als Un-Ort

Münster -

Eine groteske Folgen von Szenen war beim ersten Stück der neuen Projektreihe „Hör-Spiel“ im Cuba zu hören: „Das Scheitern an uns selbst – und den absurden Vorstellungen, die uns die Altvorderen überliefern“ von Andy Strauß.

Montag, 14.12.2015, 21:12 Uhr

Der strebsame Junior Max will Frau werden. Beim Versuch, den Sohn vom Stuhl zu treten, rutscht Vater Winfried aus und bricht sich bis auf einen Unterarm alle Extremitäten. Schnell schmiert ihm Max noch ein Hitler-Bärtchen aus Marmelade ins Gesicht. Nun einem Wespenschwarm hilflos ausgesetzt, reißt sich der Vater, begleitet von lustvollem Knacken aus dem Off, den gesunden Arm aus und verblutet . . .

Das ist nur eine von zahlreichen grotesken Szenen des Sprechstückes „Das Scheitern an uns selbst – und den absurden Vorstellungen, die uns die Altvorderen überliefern“ (Autor: Andy Strauß), das jetzt die neue, auf drei Jahre angelegte Reihe „Hör-Spiel“ im Cuba eröffnete. In der ausverkauften Blackbox hatte das überwiegend junge Publikum unüberhörbar großen Spaß.

Der Sohn indes wird vom Vertrauenslehrer unter Drogen gesetzt und missbraucht. Er stürzt sich aus dem Fenster und zersplittert in wunderschöne Glasstücke, die seine Schulkameraden begeistert aufsammeln. Mutter Beatrine und die pubertierende Tochter Mira (eine triebhafter als die andere) ereilt gleichfalls das Unglück. Beatrine wird von ihrem reichen Lover abgewiesen, weil dieser sich seinen homosexuellen Sekretär gefügig gemacht hat. Mira (immer auf der Suche nach größeren Dildos) vergewaltigt einen Exhibitionisten, wird schwanger und heiratet den Sprecher des Hörspiels.

Das Handlungsmotiv aller Figuren ist ausschließlich sexuell motiviert, selbst der seiner Libido verlustig gegangene Vater lebt während seiner intensiven Beschäftigung mit Gipskartondübeln beinahe einen Fetisch aus.

Autor Andy Strauß stellt die familiäre, aber auch Außen-Welt als negative Utopie dar, als gewalt- und triebdominierten Unort, der unterzugehen hat. Am Ende fliegen Außerirdische heran, die mit den Worten „Experiment Menschheit gescheitert“ alles in die Luft jagen. Eine in der Utopie-Tradition alte und wenig originelle Lösung.

Was sich auf der Handlungsebene wie eine ausufernde Phantasmagorie liest, gewinnt auf der Darstellungsebene durchaus eine satirische, geradezu witzige Qualität – nicht selten sogar in Slapstick-Manier. Dafür sorgen bestens agierende Sprecher, Vortrag im Comedy-Modus, unvermittelte Schnitte oder akustische Einspielungen.

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