Ein Solo erinnert an die legendäre Martha Graham
Zerrspiegel der Schönheit

Münster -

Wie eine Bürde zieht die Tänzerin eine lange Holzbank hinter sich her. Gebeugt schreitet sie voran, beinahe zärtlich stellt sie das Requisit ab. Was folgt, sind konzentrierte, ruhige Tanzbewegungen, die in ihrer klaren Form an eine der größten Pionierinnen des Modern Dance erinnern: Martha Graham.

Sonntag, 21.02.2016, 16:02 Uhr

„Le fil de M.“ nennt Choreografin und Tänzerin Annamirl van der Pluijm (Compagnie Sehnsucht) ihr Solo, das im gut besuchten Pumpenhaus als deutsche Erstaufführung auf die Bühne kam. Das Stück lotet diverse Facetten der US-amerikanischen Künstlerin aus, wirkt nicht einfach nur wie eine Hommage, sondern eher wie ein Zerrspiegel von Schönheit und Perfektion.

Es geht um die Auseinandersetzung mit dem Alter, das Tänzerinnen wohl mehr zusetzt als jeder anderen Berufsgruppe. Eine Tanzkarriere ist kurz, nur den ganz Großen ist es vergönnt, noch jenseits der 40 im Rampenlicht zu stehen. Martha Graham war eine von ihnen, und auch Annamirl van der Pluijm, die bei Choreografen wie Jan Fabre oder Reinhild Hoffmann ihre ersten Schritte tat, beweist eine derart starke Bühnenpräsenz, dass man ihr bis heute gerne zusieht.

Vor mehr als 20 Jahren kreierte sie ihr erstes Solo über die „Mutter“ des zeitgenössischen Tanzes als Bild von Perfektion. Eine Darstellung, die sich auch in dieser zweiten, 50-minütigen Produktion finden lässt, um dann umso grausamer zerstört zu werden. Wenn Musik wie im Albtraum durcheinanderwirbelt und aus stolzen Posen gebrochene werden, fällt die starke Figur umso mehr in sich zusammen. Nur mit einem Unterrock bekleidet, liegt die Tänzerin zitternd und zuckend auf dem Boden. Die Haare fallen ihr wirr ins Gesicht, Arme werden zu Vogelschwingen. Das Lächeln gefriert zur Maske, und doch tanzt die Frau immer weiter. Irgendwann rollt sie eine Leinwand aus, auf die Schwarz-weiß-Bilder der illustren Diva projiziert sind. Van der Pluijms Hände formen eine Krone, Martha Graham erscheint doppelt. Wenn aus dem Off alte Aufnahmen durch die Lautsprecher rauschen und die prominente Künstlerin davon spricht, dass Spiegelbild und Betrachter eins sind, wird klar, was man längst spürte: Hier hat sich eine Tänzerin in die andere hineingelebt.

Entsprechend harmonisch wirkt das Ende: Als Annamirl van der Pluijm in weiter, schwarzer Kleidung auf einem rollenden Stuhl über die Bühne gleitet, tanzen nur noch Oberkörper und Arme. Den Bewegungsfluss bewahrt sie auch in Reduktion: Große Kunst stirbt nie.

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