Die Enron-Pleite als Theaterstück
Doppelstunde in Trickserei

Münster -

Oben, über der Büro-Etage, ist der Fitnessraum. Da kann man sich nicht nur für die großen Aufgaben im Unternehmen stählen, sondern auch beim unkonventionellen Meeting den Kollegen ins Schwitzen bringen oder mit der Konkurrentin eine schnelle Nummer schieben. Genau das tut Jeffrey Skilling – und er kennt die Tricks. Deshalb wird schließlich er und nicht Kollegin Claudia zum Präsidenten des Energieriesen Enron ernannt.

Sonntag, 24.04.2016, 16:04 Uhr

So geht Wirtschaft: Manager Jeffrey Skilling (Aurel Bereuter, l.) holt sich bei Finanzvorstand Andrew Fastow (Daniel Rothaug) in dessen Kellerbüro wertvolle Verschleierungstipps.
So geht Wirtschaft: Manager Jeffrey Skilling (Aurel Bereuter, l.) holt sich bei Finanzvorstand Andrew Fastow (Daniel Rothaug) in dessen Kellerbüro wertvolle Verschleierungstipps. Foto: Oliver Berg

Jeffrey Skilling , Hauptfigur von Lucy Prebbles Schauspiel „ Enron “, ist ebenso real wie das titelgebende Unternehmen, das zu Beginn des Jahrtausends eine gigantische Pleite hingelegt und seine Angestellten um Geld und Hoffnungen gebracht hat. In Prebbles Stück ist es Skilling mit seinen Ideen, der das Unternehmen wie einen Ballon anschwellen und platzen lässt: Als genialischer Architekt von Luftschlössern weiß er, dass man „Energie“ verkaufen muss, weil die Leute bei „Gas und Öl“ an „Blähungen und Araber“ denken. Oder dass man keine „ Hardware “ wie etwa Kraftwerke braucht, sondern mit Spekulationen viel bessere Geschäfte macht. Das sieht Firmengründer Kenneth zwar, ähnlich wie Claudia , etwas anders und zieht Dinge vor, die man in der Hand halten kann. Dennoch setzt er auf Jeffrey und leitet so den Untergang ein.

Die britische Autorin Lucy Prebble hängt die Enron-Geschichte an diesen drei Figuren und am Finanzvorstand Andrew Fastow auf, der für Jeffrey den perfidesten Trick ersinnt: Mit Enron-Kapital und einer homöopathischen Dosis fremder Dollars gründet er eine scheinbar unabhängige Firma, die alle negativen Papiere von Enron schluckt und so den Ruf des Unternehmens aufpoliert. Im dreistöckigen Bühnenbild Christin Treunerts haust dieser Andrew (Daniel Rothaug) in der halben Kelleretage (wie im Film „Being John Malkovich“) und wirbelt als wilder Caliban zwischen jenen „Raptoren“ herum, die sich von den faulen Papieren ernähren. Der ganze Unternehmensbau ähnelt einem Raumschiff, das planlos durchs All trudelt.

Die starke Realitäts-Anbindung des Stücks ist sein Vorzug und Nachteil zugleich. Wer der Enron-Story bislang wenig Beachtung geschenkt hat, der bekommt hier Aufklärung über unfassbare wirtschaftliche und politische Machenschaften. Die Lern-Inhalte der sauber gearbeiteten Doppelstunde (plus Pause) lassen allerdings für feine Charakterzeichnung wenig Raum. So wird etwa Claudias Tragik nur angedeutet – was man bedauern muss, weil Claudia Hübschmann die ideale Besetzung ist. Und Jeffrey macht keine Entwicklung durch, sondern huldigt bis zuletzt dem Götzen Geld. Aurel Bereuter mit Karriere-Perücke darf „smart“ nur im Sinne von clever sein: Sein Charme bleibt ungenutzt.

Regisseur Dominique Schnizer versucht, die fehlende Tiefendimension des Textes auszugleichen, indem er ihn effektvoll ausstellt, mit Musik und Masken zaubert, den Manager wie einen Jedermann (der er nicht ist) taumeln lässt. Vielleicht hätte ein lakonischer Ton mehr geholfen, ein bisschen Kabarett, wie es Hanns Jörg Krumpholz bei der präsidialen Gestik von Kenneth vorführt.

Das Händler- und Juristen-Trio Matthias Caspari, Jonas Riemer und Christoph Rinke macht einen ebenso guten Job wie Natalja Joselewitsch und Carola von Seckendorff, die als ungleiches Medien-Duo Vergnügen bereiten. Dass das Präsidentschafts-Rennen zwischen George W. Bush und Al Gore auf der Bühne so matt bleibt, ist ihnen nicht anzulasten.

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Nächste Aufführungen: 4., 6. und 13. Mai 

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