500 Jahre Reformation: Präses Kurschus würdigt konfessionelle Annäherung
„Eine neue, herzliche Atmosphäre“

Bielefeld/Wittenberg/Münster -

Die Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum nähern sich ihren Höhepunkten. Heute wird in Wittenberg die dritte nationale Sonderausstellung eröffnet. In knapp zwei Wochen beginnt der Evangelische Kirchentag. Die großen Kirchen nehmen das Jubiläum zum Anlass, am Pfingstmontag (5. Juni) einander ökumenisch zu begegnen. Dazu und zum Stand des interkonfessionellen Dialogs sprach unser Redaktionsmitglied Johannes Loy mit der Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Annette Kurschus.

Donnerstag, 11.05.2017, 19:05 Uhr

Annette Kurschus (54) ist seit 2011 Präses der Evangelischen Landeskirche von Westfalen.
Annette Kurschus (54) ist seit 2011 Präses der Evangelischen Landeskirche von Westfalen. Foto: Martina Chardin

Sie predigen am Pfingstmontag bei einem ökumenischen Gottesdienst in Münster. Markiert dies eine neue Ära in den Beziehungen der Katholiken und Protestanten?

Annette Kurschus : Von einer neuen Ära kann man da nicht sprechen. Es ist vielmehr längst etwas ganz „Normales“, dass wir gemeinsam Gottesdienst feiern und einander gegenseitig zum Predigen einladen. Wir pflegen also am Pfingstmontag wie auch an anderen hohen Feiertagen eine gute und bewährte Tradition, die uns kostbar ist.

Welche Themen werden Sie in Münster ansprechen?

Kurschus: Über der Feier zu Pfingsten steht das Motto „Zusammen wachsen“. Dieses Leitwort lässt sich auf zweierlei Weise verstehen. Zunächst so, dass wir als katholische und evangelische Christen gemeinsam im Glauben wachsen. Schreibt man das Motto als ein Wort zusammen, dann bedeutet es, dass wir als Katholiken und Protestanten aufeinander zu wachsen – auf eine Einheit hin, die uns ja biblisch bereits vorgegeben ist.

Ist Ökumene im Lutherjahr eine Pflichtübung? Haben die Kontakte der Kirchenleitungen eine Entsprechung an der Basis.

Kurschus: Ökumene wächst seit langem vor allem in den Pfarreien und Kirchengemeinden, also an der Basis von Kirche. Als Pfarrerin in einer Stahlwerkersiedlung im Siegerland konnte ich täglich erleben, wie selbstverständlich dort in den Nachbarschaften Ökumene gelebt wurde. Die Menschen haben dort gemeinsam Häuser gebaut und im Stahlwerk gearbeitet, da war es für sie ganz natürlich, dass sie trotz unterschiedlicher Konfessionen als Christen auch im Glauben zusammengehören. Oder denken Sie daran, in wie vielen Familien Menschen unterschiedlicher Konfession zusammenleben. Das Bedürfnis nach Einheit im Glauben ist dort besonders groß. Auch auf der Ebene von Kirchenleitung nehme ich eine neue Lebendigkeit im ökumenischen Gespräch wahr. Wir sind beispielsweise im vergangenen Herbst gemeinsam ins Heilige Land gereist und haben uns dabei persönlich näher kennengelernt. Wir saßen gemeinsam bei sämtlichen Mahlzeiten und mussten uns ausgerechnet am Tisch des Herrn trennen. Das wurde uns auf dieser Fahrt zu einem tief empfundenen Schmerz. In der Ökumene hängt viel davon ab, wie Menschen persönlich aufeinander zugehen. Bei Begegnungen des Rates der EKD mit Vertretern des Vatikans in Rom habe ich eine herzliche Atmosphäre erlebt, die es bisher so nicht gab und die uns insgesamt näher zusammenführen wird.

Besteht die Gefahr einer Überfütterung mit Luther ? Etwas anders ausgedrückt: Luthert es zu sehr?

Kurschus: Durch den langen Vorlauf der Reformationsdekade haben es gerade die Verantwortlichen in der Evangelischen Kirche bereits seit Jahren intensiv mit Martin Luther und dem Reformationsjubiläum zu tun. Da mag es hier und da Ermüdungserscheinungen geben. Viel wichtiger ist allerdings: Die breite Öffentlichkeit nimmt das Jubiläum außerordentlich aufmerksam wahr. Menschen entdecken neu, dass und warum sie evangelisch sind. Das mediale Interesse ist groß. Wir feiern übrigens kein Lutherjahr, in dem wir einen Helden verehren. Vielmehr erinnern wir an die entscheidenden Anstöße, die für die Kirche von der Reformationsbewegung ausgegangen sind – weit über Deutschland hinaus. Da gab es neben Luther zahlreiche andere Männer und Frauen, denen wir Wichtiges verdanken.

Welches ganz persönliche Verhältnis haben Sie zu Luther?

Kurschus: Ich finde Zugang zum Theologen Luther über seine Schriften. Durch intensive Bibellektüre ist mir seine Sprache lieb und vertraut. Sie lebt von Bildern, ist nah bei den Menschen, voller Kraft und voller Poesie. Luther war ein großer Geist und ein feinfühliger Seelsorger. Er kannte tiefe Anfechtungen im Glauben und rang um Trost aus dem Evangelium. Manche Orte, an denen er lebte, sind mir seit meiner Kindheit vertraut. Ich bin in einem hessischen Dorf groß geworden, das unmittelbar an der früheren Grenze zur ehemaligen DDR lag. So lernte ich früh die Wartburg, Eisleben und Wittenberg kennen. Martin Luther hatte auch finstere Abgründe, in denen er mir unheimlich und fremd bleibt. Seine Einstellung etwa zu „den Juden“ oder „den Türken“ ist schlimm und darf nicht schöngeredet werden. Dass er in diesen Dingen ein „Kind seiner Zeit“ gewesen sei, ist aus meiner Sicht keine Entschuldigung. In vielen Fragen hatte er schließlich genug Mut, sich entschieden gegen die Zeitströmungen zu stellen.

Was wird sich nach dem Jubiläumsjahr auf landeskirchlicher und gemeindlicher Ebene tun?

Kurschus: Wir planen kein „Programm nach dem Programm“. Ich freue mich darüber, dass in den Kirchenkreisen und Gemeinden jetzt, im Jubiläumsjahr, kreative Aufbruchstimmung herrscht. Vielerorts und auf vielfältige Weise wird deutlich, welche Kräfte die reformatorischen Grunderkenntnisse auch und gerade angesichts der heutigen Herausforderungen freisetzen. „Einfach frei“, das westfälische Motto des Jubiläumsjahrs, bezeichnet nicht nur die individuelle Freiheit vom Zwang, sich selbst gut und wertvoll machen zu müssen. Es beschreibt ebenso die Freiheit zum Einsatz für andere Menschen, gegen Hass und Ausgrenzung und Abschottung. Reformation feiern heißt auch, in der Nachfolge Jesu Christi gesellschaftliche und politische Verantwortung wahrzunehmen für Frieden und Freiheit und Gerechtigkeit.

Wann dürfen wir Sie mit „Frau Bischöfin“ anreden?

Kurschus: Darüber entscheidet die Synode, und nach kontroversen Debatten ruht diese Frage jetzt erst einmal. Außerhalb von Kirche und auch in der weitweiten Ökumene wird der Titel „Präses“ nicht verstanden. Er macht das geistliche Amt, das er bezeichnet, nicht erkennbar. Das ist zweifellos ein Nachteil.

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