Chapeau classique: Fabelhaftes Mariani-Klavierquartett
Wie eine Tiefsee-Expedition

Münster -

Zur Musik muss jeder Hörer einen eigenen Weg finden, oft wird es ihm leicht macht, seltener schwer. Als Standardensemble verleiht sich ein Klavierquartett den Adelstitel selbst: Kammermusik dieser Formation ist selten und der hohe Anspruch obligatorisch. Es überraschte nicht, dass in der „chapeau classique“-Reihe das junge Mariani-Klavierquartett gleich zwei Raritäten aufs Programm setzte: Gabriel Faurés (1845-1924) Klavierquartett Nr.1 c-Moll op.15 und das Klavierquartett Nr.1 D-Dur op.16 des rumänischen Komponisten George Enescu (1881-1955) repräsentieren exemplarisch das schmale Edel-Repertoire zwischen diskreter Dramatik und euphorischer Rasanz. Der Hauch von Hochherrschaftlichkeit, den der große Saal der NRW-Bank verströmt, samt Panorama-Fensterfront Richtung Abendsonne, schien dem Hochkultur-Ereignis angemessen.

Sonntag, 14.05.2017, 17:05 Uhr

Das Mariani-Klavierquartett in der NRW-Bank
Das Mariani-Klavierquartett in der NRW-Bank Foto: Moseler

Der Abend stand unter dem Motto der „Idée fixe“, ein Leitthema, das im Werk mehrfach wiederkehrt. Im Fauré-Stück sind es eher Motivkombinationen, die ein thematisches Netz über die vier Sätze werfen. Das punktierte Unisono-Hauptthema des Kopfsatzes wirkte anmutig, das motivische Zuspiel von Streichern und Klavier blieb jederzeit transparent. Weder flüchtiger Zauber flinker Finger noch impressionistischer Mystizismus rückten die Musik in irrationale Salongefilde. Stattdessen bewies Gerhard Vielhaber pianistische Gradlinigkeit und souveränen Überblick, gerade die an der Wiener Klassik orientierten Ecksätze gewannen so Elan und Drive. Das zwischen 2/4- und 6/8-Takt pendelnde Scherzo zeigte tänzerische Akkuratesse, ohne ins Schelmische abzugleiten, das Trio wirkte, als gönne sich die Musik eine Pause von allzu viel Strenge und proste sich zu bei Sekt und Selters. Im Finale behielt das Ensemble die Horizontlinie eines kalkulierten Höhepunkts immer im Auge und gestaltete Dramatik und Finish stringent. George Enescus Klavierquartett glich in seiner geheimnisvollen Klanggewalt einer surrealen Tiefsee-Expedition. Es war, als würde die dunkle, philosophische Stimmung des Anfangs bald von Drachen, Feuerkorallen und Karnevalsraketen durchkreuzt. Das „Idée fixe“-Thema akzentuierte das Ensemble so nachdrücklich, dass der Ariadnefaden durch grimmigste Klangkontraste dieser Stil-Apokalypse hörbar blieb. Saiten knirschten, Bögen flogen, auf eine Mini-Idylle schoss die Viola Giftpfeile ab. Indem die Musiker sich der vorgetäuschten Willkür dieser Musik nur beinahe radikal überließen, gelang ihnen eine Interpretation, die sich von instrumentalen Gewitterschablonen distanzierte und gleichzeitig die Forderungen nach unbedingter musikalischer Erfüllung einlöste. Fantastisch!

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