Skulptur-Projekt von Jeremy Deller: Übergabe der Tagebücher-Repliken vertagt
Kleingärtner unter Taschentüchern

Münster -

er Himmel spendierte ein Götterwetter, und der Botanische Garten erschien wie ein Schlosssaal aller Kleingartenträume: Zur Übergabe der Tagebücher seines im Jahr 2007 initiierten Projekts „Speak to the earth and it will tell you“ hatte Jeremy Deller eine Überraschung parat: Es gab keine Übergabe.

Montag, 15.05.2017, 17:05 Uhr

Unter dem blühenden Taschentuchbaum im Botanischen Garten wurde der Abschluss des Langzeit-Skulptur-Projekts gefeiert (v.l.): Sophia Trollmann, Dr. Marianne Wagner, Horst Stronk, Jeremy Deller und Herbert Voigt.
Unter dem blühenden Taschentuchbaum im Botanischen Garten wurde der Abschluss des Langzeit-Skulptur-Projekts gefeiert (v.l.): Sophia Trollmann, Dr. Marianne Wagner, Horst Stronk, Jeremy Deller und Herbert Voigt. Foto: Günter Moseler

Der Himmel spendierte ein Götterwetter, und der Botanische Garten erschien wie ein Schlosssaal aller Kleingartenträume: Zur Übergabe der Tagebücher seines im Jahr 2007 initiierten Projekts „Speak to the earth and it will tell you“ hatte Jeremy Deller eine Überraschung parat: Es gab keine Übergabe. Skulptur-Projekte-Kuratorin Dr. Marianne Wagner erklärte, die beachtlichen zwei Dutzend über zehn Jahre hinweg geführten Tagebücher müssten noch digitalisiert werden, die feierliche Überreichung der Kopie werde zum Beginn der diesjährigen Skulptur-Projekte am 10. Juni erfolgen. Gelinde Enttäuschung huschte über manche Gesichter: „Ich wollte eigentlich mein Original“, meinte eine Tagebuchführerin.

Doch das Gefühl, mit langem Atem an einem bedeutenden Kunstprojekt teilgenommen zu haben, übernahm rasch die emotionale Führung. Unter majestätischen Ästen des Taschentuchbaums saßen Vertreter der insgesamt 55 Kleingartenvereine vor einem kleinen feinen Buffet, wurde Apfelschorle ausgeschenkt, lagen, hübsch aufgereiht, mit einer Schleife nebst Dankeskarte verziert, Gartenspachtel griffbereit.

Herbert Voigt (Technischer Leiter des Botanischen Gartens) erinnerte an die krisenanfällige Trefferquote der damals verteilten Taschentuchbaum-Samen: „Die haben es nicht alle geschafft.“ Horst Stronk indessen (Vorsitzender des Stadt- und Bezirksverbandes der Kleingärtner) blühte auf: „Ein Marathon wurde bewältigt, auch wenn ein paar Bücher auf der Strecke geblieben sind. Die Tagebücher sind ein Spiegelbild des Kleingärtnerwesens und der Zeit.“

Jeremy Deller hielt die kürzeste Rede: „Aber erst möchte ich mich für den Brexit entschuldigen. Ich dachte immer, dass die Musik die Menschen von der besten Seite zeigt. Aber jetzt glaube ich, dass auch das Gärtnern das tun kann“. Die Kleingärtnergemeinde ließ einen geschmeichelten Seufzer vernehmen. Die Paten eines Taschentuchbaums holten sich daraufhin vom Künstler ihren Spachtel ab. „Damit arbeitete ich natürlich nicht!“, meinte Rosita, als dürfte das Andenken nicht durch schnöde Arbeit entwertet werden.

Jeder schwelgte in Erinnerungen. Martina meinte, durchs Tagebuch man habe sich immer wieder in „neue Gedankenwelten und Herzen eingeschlichen“. Soziales Leben, Flora und Fauna seien akribisch dokumentiert worden. „Ich werde das Buch weiterführen, weil es so spannend ist“, verkündete Birgit und, Nachbarin Maria ergänzte: „Man musste sehr diszipliniert sein!“ Das Buch provozierte sogar Rezept-Experimente: „Giersch gibt eine tolle Suppe, auch Kräuterpesto und Smoothies!“ Über jedem Blumenbeet schwebte jetzt ein Tupfer Versailles. Für Kleingartenanlagen ist Parzellen-Seligkeit heilige Pflicht. Aber das Tagebuch erschloss neue Welten.

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