Aram Bartholl wärmt mit „12 V / 5 V / 3 V“ die Seelen
Vom Digitalen in die echte Welt

Münster -

Ohne Feuer keine Zivilisation. Erst wurden die wilden Flammen (den Blitze sei dank) schon durch Homo Erectus gezähmt, dann durch den Homo sapiens via Feuerstein kontrolliert und weiterentwickelt bis hin zum Verbrennungsmotor. Am Anfang musste die wertvolle Energiequelle unterhalten und gehütet werden, ein perfekter Ort, miteinander ins Gespräch zu kommen, Kultur zu entwickeln. Dahin müssen wir zurück.

Mittwoch, 16.08.2017, 23:08 Uhr

Was ein bisschen Licht doch ausmacht: Der Angstraum-Tunnel zwischen Schlossplatz und Bäckergasse ist durch ein paar Teelichter zu einem zwar prekären, aber doch festlichen Saal geworden.
Was ein bisschen Licht doch ausmacht: Der Angstraum-Tunnel zwischen Schlossplatz und Bäckergasse ist durch ein paar Teelichter zu einem zwar prekären, aber doch festlichen Saal geworden. Foto: Gerhard H. Kock

Ohne Feuer keine Zivilisation. Erst wurden wilde Flammen (den Blitzen sei dank) schon durch Homo Erectus gezähmt, dann durch den Homo sapiens via Feuerstein kontrolliert und weiterentwickelt bis hin zum Verbrennungsmotor. Am Anfang musste die wertvolle Energiequelle unterhalten und gehütet werden, ein perfekter Ort, miteinander ins Gespräch zu kommen, Kultur zu entwickeln. Dahin müssen wir zurück. Scheint Aram Bartholl zu meinen und schickt durchdigitalisierte Smartphone-Sklaven in Situationen, in denen diese Technik sie nicht körperlich trennt, sondern ganz analog verbindet.

Und er verbindet Informationsaustausch wieder mit dem Körper. Bartholl weiß als ehemaliger Hacker, um die digitale Welt und ihr anonymisiertes, unkörperliches, seelenloses Wesen.

In Tunnel am Schloss herrscht jetzt dank seiner fünf Kronleuchter mit ihren jeweils aus zehn thermoelektrischen, mit Teelichtern betriebenen LED-Leselampen eine fast schon festliche Stimmung.

Am Pumpenhaus kann am offenen Feuer die Kommunikationshilfe Smartphone aufgeladen werden – ganz langsam: Zeit, um sich mal wieder von Mensch zu Mensch zu unterhalten, vielleicht gar mal mit Fremden. Am Fernsehturm schließlich wird ein Router durch einen Kanonenofen (den Dreifußgrill verließen nach Tagen der Dauerbefeuerung die Kräfte) betrieben, sodass die Datenbank völlig autark sowie unabhängig vom Stromnetz ist und vom Internet sowieso. Hier werden von Besuchern aus aller Welt Daten (Texte und Bilder: auch Katzenfotos) deponiert, die von anderen heruntergeladen werden können. Wer das will, muss persönlich dorthin gehen. Für Internet-Nerds eine befremdliche, möglicherweise sogar verstörende Situation. Vielleicht sollten sie sich daran gewöhnen. Denn sollte der Strom mal ausfallen, wird sich zeigen, wie überlebens- und kommunikationsfähig die Generation „soziale Medien“ ist. Mit Aram Bartholls Dreiklang in Münster lässt sich das schon mal erspüren.

Und Bartholl schickt die virtuellen Bürger zudem in die wirklich authentische Öffentlichkeit, denn: „Das Internet ist kein öffentlicher Raum“, so Bartholl im Katalog der Skulptur-Projekte , jener gehöre zu hundert Prozent börsenorientierten Unternehmen. „Mein öffentlicher Raum ist weiterhin die Stadt, mit den realen Menschen, die sich mit der Digitalisierung auf viele Veränderungen vorbereiten müssen.“

Zum Thema

Die Westfälischen Nachrichten stellen in den nächsten Wochen in einer Serie die einzelnen Skulptur-Projekte in loser Folge vor.  | Wird fortgesetzt

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