Ausstellung „hbf“ zeigt künstlerische Filme über Münsters Bahnhofsviertel
Seltsame Obsessionen

Münster -

Das Ausstellungsformat „hbf – häuser / bilder / fenster“ des umtriebigen Bahnhofsviertels hat wegen der Skulptur-Projekte auf Installationen im öffentlichen Raum verzichtet und stattdessen in diesem Jahr Videokünstler gebeten, sich mit dem Quartier auseinanderzusetzen: eine virtuelle Observierung, einen verunglückten Abschied, einen seltsamen Fetischismus, bizarre und banale Fragmente, kühle Architektur-Animationen und den Hamburger Tunnel als Lebensraum.

Freitag, 08.09.2017, 07:09 Uhr

Hitzig und kühl: Während „Choo-Choo“ (kl. Bild) von Bahnhofsobsessionen berichtet, zeigt „Metropolis“ den roten Hausquader am Bahnhof wie eine Animation ab.
Hitzig und kühl: Während „Choo-Choo“ (kl. Bild) von Bahnhofsobsessionen berichtet, zeigt „Metropolis“ den roten Hausquader am Bahnhof wie eine Animation ab. Foto: hbf

Das Ausstellungsformat „hbf – häuser / bilder / fenster“ des umtriebigen Bahnhofsviertels hat wegen der Skulptur-Projekte auf Installationen im öffentlichen Raum verzichtet und stattdessen in diesem Jahr Videokünstler gebeten, sich mit dem Quartier auseinanderzusetzen. Die Filme sind in der Sparkassenfiliale zu sehen und zeigen: eine virtuelle Observierung, einen verunglückten Abschied, einen seltsamen Fetischismus, bizarre und banale Fragmente, kühle Architektur-Animationen und den Hamburger Tunnel als Lebensraum.

Johann Edelmann s „modern rooms“ (3:33 Minuten) lässt den Betrachter wie durch ein Fernglas schauen: links Münsters Hauptbahnhof abgescannt (stark stilisiert bis hin zur Auflösung); rechts erscheinen Figuren wie in „Second Life“ animiert: Soldat, Polizist und „normale“, aber isolierte Menschen ohne Gerät telefonierend, Konsum-Logos (Einkaufswagen und eine Grafik mit Wachstumskurve). Der Bahnhofs als Konsum-Tempel: kühl, transparent und trostlos.

Nicola Gördes und Stella Rossié zeigen Staffel 1 Folge 2 von „Yes Goodbye“ (4:50 Minuten): Extremausschnitte des Bodens, Muster und Strukturen von Asphalt, Pflaster und Gullideckeln mit unruhiger Musik. Die deutet schon an, worum es geht: Bahnhof ist ein Kommen und Gehen, ein Goodbye. Ein junger Mann versucht mit seinem „Yes“-Alu-Trolley, die Runter-Rolltreppe heraufzusteigen, wechselt aber die Treppe über die Seiten auf die „richtige“ Richtung nach oben. Der Film endet mit einer Dauereinstellung, in der der Mann sein Vorhaben aufzugeben scheint und den Bahnhof verlässt. Der Abspann ist ästhetisch und inhaltlich ein völliger Bruch, nimmt die Hälfte des Film ein und zeigt Comics von Maulwürfen, die Landkarten mit einer Bahn bügeln oder auf einem Bagger reitend Presslufthammer jagen. Seltsam.

In „Choo-Choo“ (10 Minuten) sind Hye in han und Mikołaj Sobczak selbst zu sehen, wie sie in der gleichnamigen Erotik-Radio-Show ihre Obsessionen offenbaren: Eisenbahnen! Küssen, lecken, streicheln, schwärmen – ein Motorrad-Freak oder Papa mit seinem Porsche ist nichts dagegen. Der Stahl, die Rohre, die lackierten Züge – für ihre Leidenschaft werden die beiden als pervers angefeindet. Das Hochzeitsfoto des Paares zeigt es an den Gleisen, dem Ort ihrer Erfüllung.

„Fragments“ (12 Minuten) von Minkyung Kim startet mit der Großaufnahme des rot blinkenden Hockers eines Passfoto-Automaten; das weckt Aufmerksamkeit. Es folgen Vergleiche über Lieferungen: Laster Lebensmittel, Bus Passagiere. Fahrräder gibt es zuhauf – mal als Haufen, mal in den neuen Ständern. Ein Pappbecher wird mal mit „Coffee to Go“, mal als Bettelgefäß eines Obdachlosen gezeigt. In der Ferne hockt ein Mensch, der im Gebüsch seine Notdurft verrichtet – gefilmt werden eben Fragmente aller Art.

Daphne Klein und Anne Staab filmen Münsters roten vertikalen Wohnriegel „Metropolis“ (2:35 Minuten) von innen derart kühl aseptisch blau, dass der Betrachter froh sei kann, wenige Sekunden auf das schmuddelige Bahnhofsviertel und am Ende auf ein paar unordentlich aus dem schicken Postkasten-Holz-Container lugende Werbezeitungen zu schauen.

Zauri Matikashvili hat „Im Tunnel“ (36:44 Minuten) gefilmt, wer hier so alles durchkommt – eine 24-Stunden-Studie: Radler, Skater, am Ende ein Enten-Paar sogar. Rennende, schreitende, schlendernde Menschen. Die meisten eilen hindurch, manche lesen ausgiebig die Plakate oder geben Kommentare zum filmenden Künstler ab: „Entweder ist der von der Kripo oder vom Fernsehen.“ Gesprächsfreudig geht es nachts zu: Ein Osnabrücker und gebürtiger Hamburger mit Freundin in Münster kann sich nicht vorstellen, in die Türkei zurückzukehren. Er sei um 15 Uhr angekommen, um 3 Uhr morgens „immer noch in Münster“ und sinniert über den Tunnel: „Man könnte ein Kunstwerk daraus machen.“ Morgens beginnen die Pendlerfluten; tagsüber stellen sich die Straßenmusiker und Penner ein – Bekannte treffen sich: „Ich dachte, Du kommst aus Mesum, aber wir kennen uns aus Emsdetten.“ Der Tunnel – ein Lebensraum.

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Die Filme sind noch bis Sonntag (10. September) in der Sparkassenfiliale, Windthorststraße 8, zu sehen. Geöffnet ist am Freitag von 16 bis 20 Uhr sowie am Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr.

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