Lesung von Said beim Literaturverein
Mit Gott auf Augenhöhe

Münster -

Er werde oft gefragt, was er in einer bestimmten Zeile meine. Seine Antwort, so der Dichter Said, bestünde in der Regel aus einer schlichten Gegenfrage: „Was löst diese Zeile in Ihnen aus?“

Dienstag, 12.09.2017, 18:09 Uhr

Said
Said Foto: Wolfgang A. Müller

Er werde oft gefragt, was er in einer bestimmten Zeile meine. Seine Antwort, so der Dichter Said, bestünde in der Regel aus einer schlichten Gegenfrage: „Was löst diese Zeile in Ihnen aus?“ Bei seiner Lesung in der Stadtbücherei als Gast des Literaturvereins ließ der deutsch-iranische Schriftsteller sein Publikum freilich nicht allein im Regen poetischer Worte stehen.

Im Gespräch mit dem Literaturvereinsvorsitzenden Hermann Wallmann erläuterte er seine Denkweise, sein Vorgehen als Dichter und nahm Bezug auf seine Biografie. 1947 in Teheran geboren, kam er 1965 als Student nach Deutschland und gehörte zu den frühen Stimmen einer „deutschen Literatur von außen“. Eine Rückkehr in den Iran zur Revolution 1979 mündete in Enttäuschung und erneutem Exil, das mit dem Wohnsitz in München und der deutschen Sprache zur Ersatzheimat geworden ist.

Bezeichnend mag der Titel von Saids 2016 erschienener Sammlung „auf der suche nach dem licht“ wirken, einer Mischung unterschiedlicher Sujets: Sie künden, in einfachen, präzisen Bildern von einer geistigen Spannung, die nimmermüde forscht. Mitunter nach dem eigenen Schattenwurf. Planbarkeit eines Erfolgs ist Said dabei suspekt, es regiert der Zufall, der Einfall: „Es widerfährt uns etwas.“

An Werken von Hölderlin und Hamsun könne er sich stark und funkensprühend reiben, erläuterte Said, und verwies damit auf seine Erwartung an Autoren und auf den emotionalen Resonanzkörper im „auch arbeitenden“ Leser. Wie immens er selbst diesen Raum in Schwingung versetzen kann, erlebten die Zuhörer beim Vortrag aus seinen „Psalmen“ (2007 erschienen), einer selbstbewussten Annäherung an „eine eigene Religiosität, die nur meine ist“, und die Gott auf Augenhöhe zuruft: „herr / begreife / ich will nicht unterworfen sein . . .“. Oder sich noch weiter aus dem Fenster lehnt: „herr / glaube an mein wort / sonst finden wir nie zu einander.“

Hier erwachte ein zeitgenössischer, rebellischer Psalter, und die im Kirchenlied besungene Harfe spielte eine aufwühlende innere Melodie dazu.

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