Festival „Istanbul Friends“ beendet
Krieg, Flucht und die vielen Wunden der Welt

Münster -

Er wittert überall Eindringlinge. „Ich habe dich gesehen“, schreit er. Auf Türkisch. Aber man kann die Übersetzung vom Monitor ablesen. Dann wirft er sich auf den Boden, um unter der Zeltbahn durchzuspähen. „Das ist unser Land, ich habe Hunde“, droht er einem unsichtbaren Gegenüber und wird dann selbst zum Hund, der die Zuschauer wütend anbellt.

Sonntag, 19.11.2017, 16:11 Uhr

Der verwundete Soldat (Emir Çubukçu)
Der verwundete Soldat (Emir Çubukçu) Foto: Iraz Taskin

Diese Szene mit Berkay Ateş in der Rolle des paranoiden Grenzsoldaten spielt sich in einem Zelt hinter dem Pumpenhaus ab. Es ist einer von drei Spielorten, die Regisseur Frank Heuel und das türkische Tiyatro D22 für „See the world through my eyes“ eingerichtet haben. Die anderen beiden befinden sich im Foyer und im Keller des Theaters. Jeder fasst nur rund zehn Zuschauer. Und selbst damit wird es eng, sodass sich Schauspieler und Publikum sehr nahe kommen.

Das unpathetische, aber umso intensivere Stück von Lothar Kittstein setzt sich mit Krieg und Flucht auseinander und arbeitet dabei mit der Gleichzeitigkeit von Ereignissen. 10 000 Kilometer entfernt von der Grenze steuert ein Drohnenpilot (Can Kulan) sein Kriegsgerät über das Land. Er schwärmt von der Schönheit der Natur. Wenn er ganz nah heranzoomt, kann er sogar die Gesichter der Frauen erkennen. Und den Rauch und das Feuer, die von einer bombardierten Hochzeitsfeier aufsteigen. Aber er kommt damit zurecht. Das sei ja der Vorteil seines Job, erklärt er. Er könne zwischendurch Kaffee holen und abends zu seiner Frau nach Hause gehen.

Das Publikum ist in Gruppen eingeteilt und zieht von einem Spielort zum nächsten. Der letzte ist ein Lazarett, in dem ein verwundeter Soldat (Emir Çubukçu) liegt. Die Wunde am Bein macht ihm zu schaffen. Aber auch die Wunde in seiner Seele, die der Krieg gerissen hat und die ebenso wie das Bein nicht heilen will. Zwischen den Zuschauern liegt er am Boden und kann im Fieberwahn die Gegenwart nicht mehr von der Vergangenheit unterscheiden.

Mit „See the world through my eyes“ ging am Samstag im Pumpenhaus in Münster das Festival „Istanbul Friends“ zu Ende. Frank Heuel vom Fringe Ensemble zeigte sich zufrieden. „Es ist hervorragend gelaufen“, so bilanzierte er. „Wir hatten eine gute Mischung aus türkischen und deutschen Zuschauern.“

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