Das Sinfonieorchester präsentiert mit dem Paulinum das neue Jugendkonzertformat „Musik +“
Unterdrückung wird hörbar

Münster -

„Ihr vier durch Tür 3.“ – „Einmal ganz umdrehen!“ – „Zeig deine Tasche“: Zu diesem Konzert mit dem Sinfonieorchester Münster geht es nur an Security und Schildern mit „Videoüberwachung“ vorbei.

Donnerstag, 25.01.2018, 23:01 Uhr

Unfreiheit als Spielszenario: An der Security kam keiner ohne Gängelei vorbei beim neuen Konzertformat „Musik+“ mit dem Sinfonieorchester Münster um Generalmusikdirektor Golo Berg (hinten Mitte): „Unterdrückung“ war das Thema.
Unfreiheit als Spielszenario: An der Security kam keiner ohne Gängelei vorbei beim neuen Konzertformat „Musik+“ mit dem Sinfonieorchester Münster um Generalmusikdirektor Golo Berg (hinten Mitte): „Unterdrückung“ war das Thema. Foto: Andreas Hasenkamp

„Ihr vier durch Tür 3.“ – „Einmal ganz umdrehen!“ – „Zeig deine Tasche“: Zu diesem Konzert mit dem Sinfonieorchester Münster geht es nur an Security und Schildern mit „Videoüberwachung“ vorbei, drinnen in der Aula des Paulinums weisen die Schwarzgekleideten barsch die Plätze an, dann schallt es: „Zettel ausfüllen!“, Suchscheinwerfer und Megafon sind im Einsatz.

„Musik+“ heißt das neue Konzertformat für Jugendliche. Am Paulinum haben Schüler aus Deutsch- und Musikkursen mit dem Musikpädagogen Jonas Nondorf am Donnerstagmorgen zum Auftakt der Reihe das Thema „Unterdrückung“ umgesetzt. Und die geht auf der Bühne weiter, wo ein Mädchen mit Fußkette Linsen zählt.

Das Orchester spielt den Gefangenenchor aus Verdis Oper „Nabucco“: Das Freiheitsstreben des jüdischen Volkes in Babylon fasziniert über 2000 Jahre später eine italienische Nation, die nach Freiheit strebte. Die Moderatoren Lea Weigel und Amaury Backhaus erklären auch, wie Schostakowitsch unter Stalins Terror seine Systemkritik in der Musik verbarg. Konzertmeister Mihai Ionescu spielt auf der Geige Auszüge aus dessen Kammersinfonie (op. 110a), und die Schüler sind gefordert, diese Kritik in der Musik wiederzuentdecken.

Hoffnung und Enttäuschung verstecken sich hinter musikalischen Bildern der Natur: Sänger Gregor Dalal vermittelt es über „Die Winterreise“ von Schubert. Geschichte und Botschaften von Freiheit und Kampf gegen Unterdrückung spiegeln auch Nationalhymnen; die Q2 hat ein informatives Quiz daraus gemacht. Zu hören sind die Marseillaise Frankreichs und die Hatikvah Israels: „wunderbare Musik“, so Backhaus. Die Musiker des Sinfonieorchesters ernten reichen Applaus. Musik kann auch der Selbstüberhöhung und der Verharmlosung benutzt werden – zu einer nationalsozialistischen „Wochenschau“ mit Krim-Bericht erklingt Liszt.

Schließlich „entlassen“ die Moderatoren ihre Mitschüler in die Freiheit: Der Weg führt in den Keller, wo ein Kunstkursus Installationen zu „Freiheit“ ausstellt. Es sei „sehr anschaulich“ gewesen, sagt Maximilian Palmes; nämlich, wie „es sich anfühlt, unterdrückt zu werden“, ergänzt Ruben Schmitz. Konstantin Dorndorf, auch aus der 8b ergänzt einige der auf der Leinwand gezeigten Beispiele: DDR, Martin Luther King. Mit dabei war das Thema Hereros und Mobbing in der Schule.

Das beeindruckende neue Angebot dirigierte Generalmusikdirektor Golo Berg, der das Format über viele Jahre entwickelt und nun in Münster umgesetzt hat. Es soll auch an anderen Schulen Einsatz finden: „Einige haben angebissen“, sagte Berg nach dem Konzert für die Unterstufe. Die Kinderkonzerte werden fortgeführt, aber für Jugendliche habe es bisher „so gut wie nichts gegeben“.

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