Premiere im Kleinen Bühnenboden: Jon Fosses „Winter“
Liebe in Zeiten des Stammelns

Münster -

Auf der Leinwand fällt Schneegestöber wie eine Ansammlung von Sternschnuppen vom Nachthimmel. In einer hölzernen Mulde wuselt sich eine Frau fluchend aus einem Haufen Styroporflocken hervor. Es ist die Geburt eines großen Theaterabends im Kleinen Bühnenboden.

Sonntag, 11.02.2018, 17:02 Uhr

Hinter einem Bauzaun agieren Stefan Nászay als berufstätiger Familienvater und Carolin Wirth als seine weibliche Zufallsbekanntschaft.
Hinter einem Bauzaun agieren Stefan Nászay als berufstätiger Familienvater und Carolin Wirth als seine weibliche Zufallsbekanntschaft. Foto: Hanno Endres

Der Winter genießt (besonders unter den Poeten) nicht gerade den Ruf als schöpferische Jahreszeit. Er ist der große Ausradierer, vor dem das Leben Zuflucht sucht, einen Ort der Behaglichkeit.

Eine Sehnsucht nach Wärme treibt auch in Jon Fosses „Winter“ die beiden Protagonisten, einen berufstätigen Familienvater auf Geschäftsreise und seine weibliche Zufallsbekanntschaft, um – und einander in die Arme. Dabei ist der Auftakt ihrer Liaison ziemlich abstrus: Sie spricht ihn im Park an und behauptet frech, seine Frau zu sein. Verwirrt, schwerfällig und zögernd lässt er sich darauf ein; sie werden in einem Hotel intim und treffen sich regelmäßig. Das frühere Leben wird zunehmend passé.

Als ungleiches, komplementäres Paar agieren Carolin Wirth und Stefan Nászay hinter einem Bauzaun, in und um einen Kindersandkasten. Dessen kleine Bänke fungieren auch als Kistendeckel und symbolisieren dann das Liebesnest im Hotel. Zwischen den Szenen spielt der Gitarrist Krümmel instrumentale Songs, deren füllige Punk-Riffs in kurzen Hallfahnen enden, die jeweils wie ein Peitschenknall wirken.

Dann übernimmt eine hochgradig fragmentierte Sprache, gespickt mit ins Leere laufenden Satzanfängen und Wiederholungen. Geradezu hilflos scheinen diese Gespräche zwischen den beiden Akteuren, wie beim Absurden Theater: „Ich sollte.“ „Du hättest nicht.“ „Ja.“ „Nein.“ „Aber du.“ Und doch entsteht hier eine Kommunikation, die über das Gestammelte, die Fetzen und Floskeln weit hinausragt: Da ist ein Knistern, eine Verlegenheit, eine Spannung, für die das Gesprochene nur unfertiges, andeutendes Vehikel sein kann.

Wirth und Nászay spielten nicht nur furios mit jeder Faser ihrer Körper, sondern vermochten es dazu, noch der x-ten Phrase eine neue Farbe abzuringen. Damit gestalteten sie unter der Regie von Toto Hölters die kühl-abstrakte Vorlage lebensnah, anrührend, als Tragödie mit durchaus komischen Momenten.

Große Schauspielkunst, bei der dem Publikum mal warm, mal beklommen ums Herz wurde. Denn ob diesem Winter ein Frühling folgt, blieb ungewiss.

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Weitere Aufführungen folgen am 23. und 24. Februar, jeweils um 20 Uhr, sowie am 4. (18 Uhr), 9. und 24. März um 20 Uhr.

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