Camille Thomas beim „Neue Namen“-Konzert im Rathausfestsaal
Triumphale Jugendlichkeit

Münster -

Die laszive Musik deutet es in genialer Ambivalenz: Sex ist Kitsch, Eros nicht. In der Schoneberg-Reihe „Neue Namen“ bot die Französin Camille Thomas mit dem Pianisten Julien Libeer triumphale Jugendlichkeit, die umso abgründiger gelang, je mehr die Interpreten sich dem 20. Jahrhunderts näherten.

Mittwoch, 14.03.2018, 19:03 Uhr

Camille Thomas mit ihrem Pianisten Julien Libeer
Camille Thomas mit ihrem Pianisten Julien Libeer Foto: Bayram Tarakci

„Mein Herz öffnet sich deiner Stimme“, gurrt die schöne Dalila dem eisernen Helden Samson vor, der verliert fast den Verstand: Im Alten Testament verrät er der Spionin der Philister das Geheimnis seiner Kraft. Die gleichnamige Oper von ­Camille Saint-Saëns reserviert Dalila eine Arie, deren Anfangszeilen schamloses Begehren simulieren. Für die Transkription forderte die Cellistin Camille (!) Thomas ihrem Instrument ein Vibratissimo ab, dessen Intensität das Prekäre zu erfassen schien: Samson wird von schierem Trieb geblendet.

Die laszive Musik deutet es in genialer Ambivalenz: Sex ist Kitsch, Eros nicht. In der Schoneberg-Reihe „Neue Namen“ bot die Französin Thomas mit dem Pianisten Julien Libeer triumphale Jugendlichkeit, die umso abgründiger gelang, je mehr die Interpreten sich dem 20. Jahrhunderts näherten.

In der Suite op. 16 von Saint-Saëns herrscht die Salon-und-Sekt-Laune der Romantik; Cellistin und Pianist schüttelten es aus dem Ärmel, als sei es nichts – als fabelhafte U-Musik. Im Kopfsatz von Ludwig van Beethovens Sonate A-Dur op. 69 manövrierte das Duo zwischen watteweich und knallhart. Die lyrischen Passagen des Anfangs hätten kaum zarter ausfallen können, die virtuosen kaum spektakulärer. Thomas reagierte auf ihre fünf Solotakte, als spiele sie immer noch Saint-Saëns, während Beethovens klarer Klaviersatz Libeer zu perlenden Pastellfarben animierte. Zugriff und Akzente verschärften sich mit dem a-Moll-Seitensatz, doch blieb die Durchführung eine Angelegenheit flotten Zauberns. Das Scherzo erklang als grandiose Pointe, das Finale tobte sich „Prestissimo vivacissimo“ aus: Interpreten als Extremisten.

Schroff, bizarr, selbstversunken: Die Tendenz des Duos, mit lockerer Hand expressive Radikalität zu riskieren, erfüllte sich in Dmitri Schostakowitschs Sonate d-Moll op. 40 ideal. Musik wurde erfahrbar als Psychogramm und Geheimcode im stalinistischem Terror – und als grandiose Musik jenseits des Schreckens. Leichthin und doch gespenstisch raste der zweite Satz vorüber, düster lastete das „Largo“, im Schlusssatz spielten die Ins­trumentalisten die fintenreichen Grotesken zwischen Rhythmus, Tempo und Artikulation phänomenal aus: Der Schluss zog wie unschuldig flötend von dannen. Ginasteras rassige „Pampeana“ Nr. 2 beendete im Latin-Groove ein Konzert superlativen Könnens ohne Sorge um allzu jugendlichen Eigensinn. Große Klasse.

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