„The Dorf und Consord“ im Landesmuseum
Totaleinsatz für Robotergefühle

Münster -

„Zukunft“ und „Komplexität“ lauten die Zauberworte, die der Post-Postmoderne als Fixsterne in der Ferne leuchten: Der Saxofonist Jan Klare streifte knapp rhetorische Ekstase, als er sein Werk „Die vollkommene Larve“ vorstellte: „Es ist etwas zu komplex, als es so einfach vorzustellen“, und zum Orchester „The Dorf und Consord“ gewandt: „(. . .) ein Wahnsinn, das hier durchzuziehen“.

Dienstag, 17.04.2018, 19:04 Uhr

Vor galaktisch-abstrakten Farbexplosionen spielten „The Dorf und Consord“ im Landesmuseum „Die vollkommene Larve“.
Vor galaktisch-abstrakten Farbexplosionen spielten „The Dorf und Consord“ im Landesmuseum „Die vollkommene Larve“. Foto: Moseler

„Zukunft“ und „Komplexität“ lauten die Zauberworte, die der Post-Postmoderne als Fixsterne in der Ferne leuchten: Der Saxofonist Jan Klare streifte knapp rhetorische Ekstase, als er sein Werk „Die vollkommene Larve“ vorstellte: „Es ist etwas zu komplex, um es so einfach vorzustellen“, und zum Orchester „The Dorf und Consord“ gewandt: „(. . .) ein Wahnsinn, das hier durchzuziehen“.

Am Publikum im Foyer des Landesmuseums raste die Inhaltsangabe nach der Kurzgeschichte „Die Maske“ des polnischen Science-Fiction-Autors Stanisław Lem (1921-2006) als schierer Märchenhorror vorüber: Eine Maschine in Gestalt einer schönen Frau soll töten, wird sich eines freien Willens bewusst, geht ins Kloster, in dem das Opfer einst lebte . . . Den Protagonisten des Dramas werden teils aus dem Off Texte über Kybernetik, Schuberts „Winterreise“ und Originalpassagen der Erzählung in den Mund gelegt: „Lasst euch einfach auf die Musik ein!“

Robotergefühle, freier Wille, die Automatismen der menschlichen Psyche und Rätsel der menschlichen Existenz – in Klares theatralischer Supernova zwischen Pop, Minimalismus und Improvisation dominierte ein orchestraler Totaleinsatz, der selbst die galaktisch-abstrakten Farbexplosionen auf einer hinteren Leinwand vorsätzlich zu provozieren schien. Die aus dem Maschinendasein erwachte Schöne, Marie Daniels, glänzte mit Staccato-Artikulation, rezitativischen Gesangsfetzen und melodiösen Passagen, durch übersteuerte Elektronik in akustische Götterdämmerung versetzt. Blechbläserlawinen, Schlagzeugorgien und Streichertremoli befeuerten einen obligatorisch atonal bis tonal swingenden „Ich-heb’-jetzt-mal-ab“-Modus.

Gerade der Flow kontinuierlicher Fortissimo-Passagen wirkte harmlos, wie überhaupt dynamische Tiefenschärfe eher selten zu Bewusstsein kam. Das Textlabyrinth der Vorlage, durch instrumentale Verfremdungseffekte zusätzlich verdunkelt, verschaffte der Musik restlose Autonomie. So wirkte ihr hermetischer Dauerrausch schon im Moment der Aufführung eher retrospektiv und museal. Als im Schafott-Rhythmus einer Trommel ein dicht am Mi­krofon gefolterter Luftballon mit erbarmungswürdigen Quietschlauten protestierte, reagierte das Publikum mit befreiendem Lachen, als könnte man die Monumental-Zumutungen des Abends so am leichtesten parieren. Übrigens: Johann Sebastian Bachs Thema der „Goldberg-Variationen“ von 1741, als „Warm-up“ vor dem Konzert von der Konserve gespult, ist auch nicht gerade unterkomplex . . .

Manchmal klingt die Moderne schon mit dem ersten Atemzug unmodern.

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