„Die selbst ernannte Aristokratie“ im Pumpenhaus
Protzen und prahlen mit Ironie

Münster -

Vier Stände macht Honoré de Balzac in der Gesellschaft der 1830er Jahre aus – die Arbeiter, die Kleinbürger, das Großbürgertum und ganz oben die Aristokratie. Und alle jagen sie dem Geld und den Vergnügungen hinterher. Das mache sie hässlich. Hässlich wie alle Pariser. Nachzulesen ist das in der Erzählung „Das Mädchen mit den Goldaugen“, in dem es außerdem um einen Dandy und einen lesbischen Liebesmord geht.

Montag, 02.07.2018, 18:06 Uhr

Mit Selbstironie geriert sich die Gruppe „La Fleur“ als selbst ernannte Aristokratie.
Mit Selbstironie geriert sich die Gruppe „La Fleur“ als selbst ernannte Aristokratie. Foto: Nurith Wagner-Strauss

Mit ihrer Gruppe La Fleur hat Monika Gintersdorfer aus dem Balzac-Stoff eine Tanzperformance gemacht, die am Wochenende im Pumpenhaus zu sehen war. „Die selbst ernannte Aristokratie“ nimmt Balzacs Text und mischt ihn mit den Biografien der Darsteller, zu denen neben Tänzern von der Elfenbeinküste Künstler aus Europa und den USA zählen. Erfahrungen in Elite-Universitäten werden ebenso thematisiert wie die Situation von Kindertänzern in Abidjan. Abgerundet wird das Ganze durch einen Dolmetscher, der mit seinen Simultanübersetzungen dem Bühnengeschehen hinterher hetzt und so selbst zu einem tragenden Teil der Performance wird.

Bestimmende Gangart ist der Coupé Décalé, ein Tanz, der traditionelle afrikanische Elemente mit Hip-Hop und Disco mischt und insgesamt ein bisschen zur Ironie neigt – genauso wie seine Protagonisten, die einen protzigen Lebensstil mit Geld aus zweifelhaften Quellen kultivieren.

Großspurig identifizieren sie sich mit dem Helden aus Balzacs Erzählung, einem Schnösel erster Güte, der sich in ein lesbisches Mädchen verliebt. Singend, tanzend und spielend werden die Szenen nachgestellt, interpretiert und kommentiert, sodass sich unschwer Parallelen zur heutigen Gesellschaft ziehen lassen.

Im Prinzip ist es eine Halbwelt, die sich in schillernden Szenen selbst feiert. So etwas könnte leicht peinlich werden, wirkt hier aber eher erhellend. Denn das strotzendes Selbstbewusstsein und die Überheblichkeit, mit der sich die Akteure präsentieren, sind nicht weniger begründet als die einer wirklich vornehmen Gesellschaft oder einer, die sich dafür hält. Und das kitzelt aus dem prahlerischem Getue immer auch eine gute Portion Komik heraus. Traue keiner selbst ernannten Elite, scheint das Bühnengeschehen sagen zu wollen. Es könnte sich um einen Haufen Blender und Betrüger handeln.

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