Collegium musicum vocale in der Erphokirche
Magisches Glaubensbekenntnis

Münster -

Strahlend der Sommersonntag, düster die Musik: Es war, als hätte Ulrich Haspel für seine Chöre den Gottesbeweis antreten wollen, denn das Chorkonzert „. . . die Dunkelheit erklärt / die Herrlichkeit des Lichts“ in der Erphokirche präsentierte neben Michael Tippetts Oratorium „A Child Of Our Time“ noch fünf hochkarätige Werke, von denen Randall Thompsons A-cappella-Zyklus „The Pea­ce­able Kingdom“ eine singuläre Premiere bedeutete.

Montag, 02.07.2018, 18:06 Uhr

Chöre der Westfälischen Wilhelms-Universität sangen in der Erphokirche unter Leitung von Ulrich Haspel ein Konzert mit dem Titel „. . . die Dunkelheit erklärt / die Herrlichkeit des Lichts“.
Chöre der Westfälischen Wilhelms-Universität sangen in der Erphokirche unter Leitung von Ulrich Haspel ein Konzert mit dem Titel „. . . die Dunkelheit erklärt / die Herrlichkeit des Lichts“. Foto: Günter Moseler

Strahlend der Sommersonntag, düster die Musik: Es war, als hätte Ulrich Haspel für seine Chöre den Gottesbeweis antreten wollen, denn das Chorkonzert „. . . die Dunkelheit erklärt / die Herrlichkeit des Lichts“ in der Erphokirche präsentierte neben Michael Tippetts (1905-1998) Oratorium „A Child Of Our Time“ noch fünf hochkarätige Werke, von denen Randall Thompsons (1899-1984) A-cappella-Zyklus „The Pea­ce­able Kingdom“ eine singuläre Premiere bedeutete.

Das konzertante Motto (Tippetts Oratorium vorangestellt) bezeichnete die generelle Dramaturgie. Für Thompsons Stück über Wahrheit, Machtmissbrauch, Vernunft und Verbrechen fand das Ensemble 22 einen Klang, der spätromantische Melodik und Gestik als expressive Gesangsbilder deutete. Der Sopran triumphierte in höchsten Höhen, Kampfszenen und tödliches Erschrecken stockten, als setzte der Herzschlag aus. Die kompakte Theatralik dieser Musik, die Feinheit ihrer Schattierungen, die Kavallerie-Attacke ihrer Angriffslust bis hin zum kathedralischen Finalhymnus sang das Ensemble mit äußerster chorischer Flexibilität. Der Madrigalchor interpretierte Hugo Distlers Motette „Das ist je gewisslich wahr“, in deren spröder Resignation sich „Ewigkeit“ wie im Weltall eines Nirgendwo verliert, mit asketischer Klarheit. In Gideon Kleins (1919-1945) „Dass uns der Herr Gott liebe“ und „Mein Freund, wohin gehst du?“ sowie Victor Ullmanns (1898-1944) „Wir ziehen heim“ (im Konzentrationslager komponiert) betonte der Universitätschor dessen drastische Melancholie.

Nichts scheint gespenstischer als alte Zeiten, die in die Gegenwart zurückkehren – auch aus dieser Perspektive wirkte „A Child of Our Time“ wie ein Fanal. Die Bläserfanfaren schmetterten ihr symbolträchtiges Unheilsmotiv, der Eingangschor „Die Welt zeigt ihre dunkle Seite“ klang wie ein stummer Schrei, Annette Kleines Altsolo „Der Mensch . . . hat die Götter entthront“ wie eine sich verzehrende Anklage.

Mit dem Kourion-Orchester unter Haspels Direktion fuhr man hinab in archaische Zeiten zwischen Metaphysik und Apokalypse. Das chaotische Verhängnis schwelte immer weiter, bis das chorische „Wir sind verloren“ schier zu explodieren schien.

Die etwa 130 Choristen demonstrierten als „Verfolger“ wie „Verfolgte“ eine physische Präsenz, an den Erzähler Christoph Scheeben (Bass) und Stefan Sbonnik (Tenor) und Susanna Martin (Sopran) in Abwehr mons­tröser Gewalt anknüpften. Tippetts Musik zielt auf die Miseren der Welt, den eingestreuten Spirituals, mit beinahe schwelgerisch-versöhnlichem Tonfall, verlieh der Chor aufrührerisches Pathos.

Glanzleistung von Haspel und allen, die teilnahmen: ein magisches Glaubensbekenntnis zur universellen Menschlichkeit.

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