Serie: Mein Instrument – die Bratsche
Die große Schwester der Geige

Münster -

Na gut, einen noch, dann ist aber auch mal gut: „Wie bewahrt man eine Stradivari am sichersten auf? In einem Bratschenkasten, den klaut keiner.“ Auch wer keinen dieser Witze kennt, hat bestimmt schon mal gehört, dass die Bratscher die Ostfriesen des Orchesters sind – minderbemittelt, faul und ängstlich. Man wählt dieses Instrument, so wird unterstellt, weil es für die Geige nicht gereicht hat. „Fand ich damals ja auch nicht so doll“, erzählt Svenja Ciliberto über den Moment, als sie neun war und die Geige sich in ihren Händen einfach nur schrecklich anhörte. Und dann brauchten sie im Orchester eine Bratsche. Aber Ciliberto wusste schon damals: „Musikerin werden? Auf gar keinen Fall.“

Montag, 20.08.2018, 17:58 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 14.08.2018, 16:14 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Montag, 20.08.2018, 17:58 Uhr

Und dann hat sie alles Mögliche ausprobiert, im Buchladen, im Hotel, auf einer Messe und hat schließlich, „eher aus Zeitvertreib und als Rückversicherung“, Theologie studiert. Bis sie Franz Schuberts Sonate für Arpeggione hörte! Weg war der Vorsatz, nie Musikerin werden zu wollen. Die oder das (man weiß das nicht genau) im frühen 19. Jahrhundert erfundene Arpeggione ist trotz seiner schönen Beinamen („Guitarre d`amour“ und Sentimentalgitarre) längst ausgestorben; ihren Part spielt in der Schubert-Sonate meist das Cello oder die Viola da Braccio, die auch Armgeige oder Bratsche genannt wird. „Och, hätte ich jetzt nicht gedacht, ist ja richtig toll, dieser gedämpfte, dunkle, leicht melancholische Ton.“

Bis dieser erstmals aus Svenja Cilibertos Scrollavezza-Bratsche in Münster zu hören war, spielte sie ihr 1963 gebautes Instrument in Ludwigshafen, Frankfurt, Mannheim, Rom, machte ihren Meister in Würzburg und Mainz und fand der Liebe wegen 1999 in Münster eine neue Heimat.

Im Jahr ihrer Hochzeit besuchte sie mit Mann und Bratsche in Parma Renato Scrollavezza, den Erbauer ihres Instruments. „Der kaufte, wann immer es ging, seine Instrumente zurück“, erinnert sich Svenja Ciliberto an den heute 91-Jährigen, der überzeugt ist, dass die meisten Musiker mit seinen Instrumenten nicht sorgsam genug umgehen. „Als ich ihm dann vorspielte, war er so gerührt, und natürlich durfte ich meine Bratsche behalten.“

Nein, nicht noch einen Witz, davon gibt es ja schon mehr als genug. Dann lieber den Hinweis darauf, dass auch der unübertroffene Johann Sebastian Bach gerne Bratsche spielte; und mit Bach als Kollegen kann man Bratscherwitze doch bestens ertragen.

Oder mit Monteverdi, Mozart, Dvorák, Hindemith – alles Violaspieler. Und Brahms, Svenja Cilibertos Lieblingskomponist, komponierte ja bisweilen so, als wäre auch er einer.

Und hier noch ein wunderbares Lob des ungarischen Komponisten György Ligeti: „Die Violine führt, die Viola bleibt im Schatten. Dafür besitzt die Bratsche eine eigenartige Herbheit, kompakt, etwas heiser, mit dem Rauchgeschmack von Holz, Erde und Gerbsäure.“

Erde, Holz und Rauch – da fällt die Überleitung schwer, ist aber so spannend, überraschend und einleuchtend wie die vielen Wünsche und Wendungen in Svenja Cilibertos Leben: Sie möchte gerne noch Tuba lernen – und wird damit wohl das Ziel der ehrenwerten Witzereißer bleiben.

Dazu dieses Credo eines bekannten Tubaspielers: „Tubist wird man, weil man für ein anspruchsvolles Instrument keinen Ehrgeiz hat. Oder weil man nicht üben will, aber trotzdem auf die Biermarken beim Volksfest spechtet. Wir Tubisten sind quasi die Mitläufer der Musikszene. Wobei wir ja lieber sitzen, denn jede unnötige Bewegung ist Aufwand. Und das schätzen wir nicht.“

Jetzt ist aber auch mal gut. Oder nein, da bleibt doch die Frage nach dem Tubisten. Schubert kann es ja nicht gewesen sein. „Nein, der natürlich nicht, das war vor einem Jahr beim Kinokonzert, eine ganz tolle Tuba-Komposition – von Charlie Chaplin.“

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