Nachlass zieht ins Westfälische Literaturarchiv
Die Droste wird digitalisiert

Münster -

Die Dichterfürstin blickt ungerührt vom Gemälde Johann Joseph Spricks, während sich Bahnbrechendes im großen Wohnzimmer im Haus Rüschhaus vollzieht. Am Dienstag wurden dort jene Vereinbarungen unterzeichnet, die sicherstellen, dass der „Meersburger Nachlass“ der Annette von Droste-Hülshoff künftig im Westfälischen Literaturarchiv des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in Münster gelagert, erschlossen und weiter erforscht wird.

Dienstag, 21.08.2018, 17:40 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 21.08.2018, 17:40 Uhr
Kleine, gedrungene Handschrift und maximal beschriebenes Papier: So sieht ein Manuskript aus dem Droste-Nachlass aus.
Kleine, gedrungene Handschrift und maximal beschriebenes Papier: So sieht ein Manuskript aus dem Droste-Nachlass aus. Foto: Wilfried Gerharz

1500 Dokumente umfasst das kostbare Konvolut, das bislang in der Universitäts- und Landesbibliothek in Münster aufbewahrt wurde. Darunter sind Manuskripte zur Ballade „Der Knabe im Moor“ und zum Gedicht „Die Mergelgrube“, aber auch Notizzettel, Jugendtraktate und andere Exzerpte. Wie Dr. Jochen Grywatsch, Leiter der Droste-Forschungsstelle der LWL-Literaturkommission, erklärte, entspricht der Meersburger Nachlass etwa 60 Prozent des Gesamtnachlasses der Dichterin.

Einen Brief der Droste an ihre Schwester Jenny und Doppelblätter aus dem „Heidebilder“-Zyklus hatte Dr. Henning Dreyling von der Uni-Bibliothek dabei. Besonders ein Arbeitsmanuskript zum Lustspiel „Perdu! oder Dichter, Verleger und Blaustrümpfe“ mit gedrungener Handschrift auf maximal beschriebenem Papier mit wilden Streichungen und Korrekturen ließ auch Laien den Wert der Papiere erahnen.

Die fragilen Schriftstücke sollen nun für ein größeres Publikum fachgerecht digitalisiert werden, so Dr. Marcus Stumpf, Leiter des LWL-Archivamtes. Warum dies fortan in der Verantwortung des LWL geschieht, begründete dessen Direktor Matthias Löb mit „literarischer und archivarischer Kompetenz“, über die der LWL verfüge. 60 literarische Nachlässe würden seit dem Jahr 2001 im Nachlass-Archiv des LWL betreut, so Löb. Die Droste nimmt da sicher eine Sonderstellung ein. Größere personelle und finanzielle Ressourcen will der LWL darum in das „Projekt mit höherer Priorität“ einfließen lassen, machte auch LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger deutlich.

Künftig, so weist eine Absichtserklärung aus, werden LWL und Uni weiterhin an der Erforschung der Droste zusammenarbeiten. „Ich bin sehr glücklich über diese Kooperation“, betonte Löb. „Der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der die Sammlung nominell gehört, und der Universität Münster, die sie bisher bewahrt hat, danken wir für die Bereitschaft zu dieser Vereinbarung, mit der neue Synergien möglich werden.“

Prof. Dr. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, rief die Geschichte des Konvolutes in Erinnerung. „Es kommt nicht oft vor, dass ein Nachlass so geschlossen zusammenbleibt“, freute sich Parzinger und formulierte einen Wunsch: „Ich würde mich freuen, wenn die Unterlagen in einer in Münster entwickelten Ausstellung mal Berliner Luft schnappen könnten“, sagte er mit Blick auf die für Ende 2020 geplante Eröffnung des Bibliothek-Museums der Staatsbibliothek in Berlin. Deren Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf zitierte die Droste, die 1843 an eine Freundin schrieb: „Ich mag und will jetzt nicht berühmt werden, aber nach hundert Jahren möchte ich gelesen werden“. Noch hundert Jahre weitergedacht, sagte Schneider-Kempf: „2043 schauen wir, wie viel mehr wir dazu beigetragen haben.“

Zum Thema: Der „Meersburger Nachlass“ umfasst 1500 Dokumente, die sich beim Tod der Dichterfürstin am 24. Mai 1848 in Meersburg befanden. Bis 1905 wurde er von der Familie von Laßberg in Meersburg und danach von der Familie Von Droste-Hülshoff in Haus Stapel bei Havixbeck verwahrt. 1967 wurde der Bestand unter Federführung der Fritz-Thyssen-Stiftung für die öffentliche Hand erworben und für den symbolischen Kaufpreis von einer Mark an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz übergeben. Das Konvolut sollte jedoch dauerhaft in Westfalen verwahrt werden. Es befand sich seither als Dauerleihgabe der Berliner Staatsbibliothek – Stiftung Preußischer Kulturbesitz in der Universitäts- und Landesbibliothek in Münster.

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