Spielzeiteröffnung im Pumpenhaus: Samir Akika und La Macana stellen „Pink Unicorns“ vor
Kräftemessen der Generationen

Münster -

Zuckend und schreiend windet sich der Junge im Rampenlicht, reißt ein Seil unter seinem Hemd hervor, wirft es panisch zu Boden – und wird die „Schlange“ endlich los. Ein Erwachsener beobachtet die Szene und improvisiert weiter: Den Strick als Turban um den Kopf gewickelt, reitet der Performer auf einem imaginären Kamel durch die gleichfalls unsichtbare Wüste, bevor er es sich mit schelmischem Augenzwinkern als Shisha rauchender Zauberer auf der Bühne gemütlich macht.

Montag, 10.09.2018, 18:36 Uhr
Veröffentlicht: Sonntag, 09.09.2018, 17:14 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Montag, 10.09.2018, 18:36 Uhr
Spannendes künstlerisches Kräftemessen: Vater und Sohn (Alexis und Paulo Fernández) erproben sich tänzerisch, arbeiten sich aneinander ab, suchen nach Balance zwischen Zusammenhalt und Freiheit.
Spannendes künstlerisches Kräftemessen: Vater und Sohn (Alexis und Paulo Fernández) erproben sich tänzerisch, arbeiten sich aneinander ab, suchen nach Balance zwischen Zusammenhalt und Freiheit. Foto: Jörg Landsberg

Der Anfang von „Pink Unicorns“ hat etwas von einem Kindergeburtstag, in dem es darum geht, einander durch kreative, mitunter alberne Einfälle zu übertreffen. Fehlt es dem Jungen auch naturgemäß noch an Bühnenreife, so ist sein schauspielerisches Talent bemerkenswert.

„Pink Unicorns“ ist der Titel dieses ungewöhnlichen Tanztheaters, das Choreograf Samir Akika (Tanzchef am Theater Bremen) gemeinsam mit Caterina Varela und Alexis Fernández vom Künstler-Kollektiv „La Macana“ zur Spielzeiteröffnung auf die Bühne des Pumpenhauses bringt. Ein 14-Jähriger (Paulo Fernández) begegnet seinem erfahrenen Tänzer-Vater, Alexis Fernández, lässt sich von dessen atemberaubender Energie mitreißen und setzt ihm ungezügelte Lebenslust entgegen.

Es beginnt ein künstlerisches Kräftemessen, das sich zwischen quietschbunten Luftkissen (Bühne: Tilo Schreieck) in athletischen Bewegungen ausdrückt. Anders als man es bei einem pubertierenden Jungen erwarten könnte, geht es hier nicht um Abgrenzung, diese wilde Wut auf alles, was das Leben gerade so schwierig macht, sondern darum, den Alltag mit Humor zu nehmen: Das Mäkeln am Essen, heimliches Computerspiel, Schuleschwänzen oder intensives Ringen um Kunst kommen mit einer gehörigen Portion Selbstironie auf die Bühne. Dem entgegen stehen ernste Bitten: den Vater später nicht ins Altersheim abschieben. Oder: dem Sohn die Freiheit lassen. Bezwingend dynamisch arbeiten sich die beiden aneinander ab, springen übereinander weg, stürzen einander durch die Arme, stemmen ihre Körper in die Waagerechte wie Artisten. Begeistert der Ältere durch Kraft, Tempo und eine unnachahmlich komische Mimik, rührt der Jüngere durch jugendliches Ungestüm und Authentizität.

Die wohl stärkste Szene gelingt, als Alexis Fernández zuckend und zitternd über die Bühne wankt und ihm Paulo ganz sachte eine Hand auf die Schulter legt. Wenn er sich vom Vater mitziehen lässt, ihn stützt, trägt und hält, bis sich beide Körper bewegen wie aus einem Guss, wird neben tänzerischer Größe eine durchaus tiefe familiäre Verbundenheit spürbar – ein mutiges Stück.

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