Theater X präsentiert Peter Handkes „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“
Menschen zwischen Komik und Katastrophe

Münster -

Bei Einlass wird noch gekehrt, sodass man aufpassen muss, nicht über einen Besen zu stolpern. Auch als alle sitzen, geht das Reinemachen noch einige Zeit weiter, bis wirklich das letzte Körnchen Staub aufgenommen ist. Aber dann fängt sie an: „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“, die hier 90 Minuten dauert und mehr als 20 Amateurschauspieler auf der Bühne im Theater in der Meerwiese vereint.

Montag, 10.09.2018, 18:36 Uhr
Veröffentlicht: Sonntag, 09.09.2018, 17:14 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Montag, 10.09.2018, 18:36 Uhr
Krieg droht. Die Menschen suchen unter einer Europafahne Schutz. Starke Szene aus dem komplett wortlosen Stück von Peter Handke.
Krieg droht. Die Menschen suchen unter einer Europafahne Schutz. Starke Szene aus dem komplett wortlosen Stück von Peter Handke. Foto: Christian Harnisch

Für seinen diesjährigen Auftritt hat das Theater X nicht wie sonst ein eigenes Stück entwickelt, sondern sich den wortlosen Klassiker von Peter Handke vorgenommen. Wortlos deshalb, weil im gesamten Stück nicht gesprochen wird. Ort des Geschehens ist ein namenloser Platz in einer namenlosen Stadt, auf dem sich Mensch begegnen, aneinander vorbeilaufen, in die Haare kriegen oder einfach nur auftauchen und wieder verschwinden – wie im richtigen Leben auch.

Unter der Regie von Alexander Becker defilieren die unterschiedlichsten Typen an den Zuschauern vorbei. Die einen schlurfen lustlos dahin, die anderen springen förmlich über den Platz. Ein Mann mit Angelrute holte eine Flasche Bier aus der Tasche, eine Stadtindianerin ebenso, nur eine billigere Marke. Feuerwehrleute hantieren mit Schläuchen, ein paar Jungs kicken einen Fußball übers Pflaster, Radfahrer begrüßen sich klingelnd, und ein distinguierter Herr schüttelt Laub vom Hut, sodass wieder gekehrt werden muss. Lange macht es einfach nur Spaß, dem Treiben zuzuschauen. Zumal auch die Komik nicht zu kurz kommt, wenn beispielsweise der Angler ständig mit seiner Rute irgendwo hängenbleibt. Doch irgendwann kippt die Stimmung. Und kurz vor Schluss scheint eine Katastrophe über die Stadt hereinzubrechen. Was genau es ist, bleibt offen. Aber der Soundtrack lässt auf Krieg schließen, vor dem sich die Menschen unter einer Europa-Fahne zu schützen versuchen.

Diese eindrücklich gestaltete Szene kann als Hinweis auf die Flüchtlingssituation gedeutet werden, aber auch ganz allgemein auf die Unsicherheit der menschlichen Existenz – selbst in einer Gesellschaft, die gemeinhin als stabil angesehen wird.

Kurzum: Eine gelungene Inszenierung mit einem sichtlich spielfreudigen Ensemble.

Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6037382?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F646285%2F
Angeklagter schweigt zu den Vorwürfen
Der Eingang zum Landgericht Münster.
Nachrichten-Ticker