Münster Barock: Ensemble „L’Achéron“ im Landesmuseum
Zu Gast beim Sonnenkönig

Münster -

Als Politiker eine Katastrophe – als Kunstmäzen ein Geschenk für die Menschheit: Sonnenkönig Louis XIV. (1638-1715) trieb Frankreich durch Kriege und Misswirtschaft in den Ruin, aber sein Schloss Versailles figuriert heute als vergötterter Touristentempel, dessen Park von André de Nôtre als paradiesische Spielwiese, Theaterstücke Molières und Opern Jean-Baptiste Lullys gelten als unsterbliche Kunst(werke). Die intime Kehrseite des absolutistischen Gigantomanen Louis XIV. hätte kaum betörender klingen können als in Marin Marais’ (1656-1728) „Prélude en harpègement“ – damit eröffnete das Ensemble „L’Achéron“ das dritte Konzert des Münster-Barock-Festivals im Lichthof des LWL-Museums und öffnete eine Tür zu Privatgemächern des Königs, das konzertante Motto „Pièces favorites“ deutete den exklusiven Charakter der Musik bereits an.

Montag, 10.09.2018, 18:36 Uhr
Veröffentlicht: Sonntag, 09.09.2018, 17:14 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Montag, 10.09.2018, 18:36 Uhr
Das Ensemble „L‘Achéron“ beim versunkenen Spiel im Lichthof des Westfälischen Landesmuseums.
Das Ensemble „L‘Achéron“ beim versunkenen Spiel im Lichthof des Westfälischen Landesmuseums. Foto: Moseler

Fast klang es wie einsame Musik, unerhört in ihrer fragilen Klanglichkeit und Intensität, erhört von einem, der kaltblütiges Regiment und brachiale Rache kannte. Die „Arabeske“ war von milder Heiterkeit erfüllt, bevor François Joubert-Caillet an der Viola da Gamba in Marais’ elegischem „Der Träumer“ absolute Expressivität und unerhörte Nuancen ausbalancierte. Das „Große Ballett“ wirkte wie ein kostspieliges Spektakel ohne Tänzer, in dessen Klangwogen das Griffbrett der Theorbe von Miguel Henry wie der Toppmast eines Segelschiffs über dem Ensemble thronte.

Wie ein Intermezzo erklangen François Couperins „Die Schmeichlerin“ und „Der Weckruf“, dessen rustikaler Stil von Philippe Grisvard am Cembalo mit sehr diskreter Gestik ausgespielt wurde. Eine gewisse pompöse Attitüde bot Forquerays „La Couperin“, der den Kollegen mit schwerem Strich porträtiert, bevor Jean-Baptiste Lullys „Ouverture de la Grotte de Versailles“ mit theatralischer Gravitas auftrumpfte. Wie eine unendliche Elegie hat Marais „Die menschlichen Stimmen“ synchronisiert, der Gambist interpretierte das Stück mit jener unerschütterlichen Ruhe, die Musik ferner Epochen mitunter auslöst, wie der Fluss Acheron, dessen Mythologie durch die Jahrtausende fließt und Schmerz und Leid der Menschheit mit sich führt. Das berühmte „Folia“-Thema für „Couplets de Folies“ steigerten die Musiker zu rauschhafter Verrücktheit, bevor Couperins rätselhaftes „Die mysteriösen Barrikaden“ puren Esprit versprühte und Forquerays fantastische „Chaconne La Buisson“ ihre melodisches Pfauenrad schlug.

Joubert-Caillet ließ schließlich seine Gambe mit Paganini-Verve durch Marais’ „Wirbelwind“ rasen, das Publikum im Lichthof des Landesmuseums raste mit. Der Sonnenkönig hätte seine helle Freude gehabt.

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