Kammertheater Bühnenboden eröffnet die Spielzeit furios mit dem Stück „Gefahrenzone“
Brüder auf Kollisionskurs

Münster -

„Willst du mich nicht fragen, wie’s mir geht?“, will Carl von Ambroise wissen. Und erntet ein herablassendes, gelangweiltes „Wie geht’s dir?“ als Entgegnung. Heißa – wenn ein Gespräch unter Brüdern, die sich lange nicht gesehen haben, so beginnt, dann darf man in ihrer Beziehung irgendwo verborgenen Sprengstoff vermuten.

Sonntag, 23.09.2018, 16:20 Uhr
Veröffentlicht: Sonntag, 23.09.2018, 16:20 Uhr
Jetzt wird es heftig: Drei Brüder (Detlef Sult, l., Konrad Haller, Stefan Násza, kniend) haben alte Rechnungen zu begleichen.
Jetzt wird es heftig: Drei Brüder (Detlef Sult, l., Konrad Haller, Stefan Násza, kniend) haben alte Rechnungen zu begleichen. Foto: Müller

In der spannenden, mysteriösen und mit ätzender Komik aufgeladenen Inszenierung des Stücks „Gefahrenzone“ des kanadischen Dramatikers Michel Marc Bouchard begegnet das Publikum drei Protagonisten, deren Karrieren und Ansichten scharf kontrastieren. Zum weltläufigen, zynischen Galeristen Ambroise (Konrad Haller) und dem provinziellen Supermarktangestellten Carl (Stefan Nászay) als Jüngstem gesellt sich noch ihr ältester Bruder Victor (Detlef Sult). Der in der ländlichen Heimat gebliebene, leutselige Holzfäller, von den beiden anderen als primitiver „John Wayne vom Dienst“ belächelt, ist schuld, dass sich die drei mitten im Wald wiederfinden. Ausgerechnet an der Stelle, an der ihr Vater vor genau 15 Jahren ums Leben kam, und ausgerechnet am Tag von Carls ersehnter Hochzeit endet ihr Angelausflug in einem Verkehrsunfall: „Diese Kurve hat’s schon immer in sich gehabt!“

Das Bühnenbild verblüfft durch geniale, weil effektive Schlichtheit. Regisseur Toto Hölters setzt seine kraftvoll und nuanciert agierenden Schauspieler in ein von baumbedruckten Duschvorhängen gesäumtes abstraktes Niemandsland. Von drei auf Autoreifen gelagerten Plattformen aus, die sie kaum verlassen, entspinnt sich ein immer heftiger werdender Konflikt. Schon die Vorstellungen, ob und worüber man wie reden will, klaffen aus einander. Vorwürfe wachsen zu Schmähungen. Ein Abgrund von Ressentiments tut sich auf. Der homosexuelle Ambroise, den der bevorstehende Tod seines Partners an Aids aufwühlt, sieht sich von Carl mit Klischees und herabwürdigenden Bemerkungen zu „eurer Krankheit“ konfrontiert. Aber auch er teilt aus und zerlegt dessen „kleine Welt“: „Du bist Vorstadtmüll!“

Wo Bouchard sein 1998 uraufgeführtes Drama auch als Allegorie auf das Verhältnis der indigenen, britisch- und frankokanadischen Bevölkerungsgruppen in Québec vor dem Hintergrund zweier gescheiterter Unabhängigkeitsreferenden entwarf, funktioniert Hölters Adaption indes auch ganz ohne diesen Bezugspunkt. Denn auf dieser Folie lassen sich mühelos hiesige gesellschaftliche Verhältnisse und Probleme darstellen. Und so wurde im Kleinen Bühnenboden auch die hochaktuelle Hermetik unterschiedlicher sozialer, kultureller und politischer Milieus, die ihre jeweiligen Echokammern zu festen Burgen ausgebaut haben, auf furiose und eindrucksvolle Weise abgebildet.

Das Publikum quittierte diese Premiere mit einhelliger Begeisterung.

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