Frank Behnke zeigt die zeitlose Aktualität von Schillers „Wilhelm Tell“ in Münster
Der strickende Freiheitsheld

Münster -

Wilhelm Tell hat es geschafft: Er hat den Apfel vom Kopf seines Sohnes geschossen, und er hat sich in einem waghalsigen Fluchtmanöver vom Schiff des Tyrannen Gessler seine Freiheit zurückerobert. Das schildert er nun seinen Landsleuten in dramatischen Worten – und was tun die? Fallen ihm ins Wort und sprechen seine Texte im fröhlichen Chor – wie Kinder, die die bekannte Gute-Nacht-Geschichte immer wieder hören wollen.

Sonntag, 30.09.2018, 19:06 Uhr
Veröffentlicht: Sonntag, 30.09.2018, 13:38 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Sonntag, 30.09.2018, 19:06 Uhr
Noch ahnte er nichts Böses: Wilhelm Tell (Jonas Riemer) zu Beginn vor folkloristischer Kulisse.
Noch ahnte er nichts Böses: Wilhelm Tell (Jonas Riemer) zu Beginn vor folkloristischer Kulisse. Foto: Oliver Berg

Schillers Drama „ Wilhelm Tell “ ist eben auch so eine altbekannte Geschichte, selbst wenn sie in Münsters Theater seit Jahrzehnten nicht gespielt wurde. Regisseur Frank Behnke geht darauf unter anderem mit dieser witzigen Szene zu Beginn des vierten Aktes ein (und, so viel sei verraten, es kommt noch besser). Viele der Spruchweisheiten, zu denen Schillers Texte in der bürgerlichen Gesellschaft geronnen sind („Früh übt sich, was ein Meister werden will“), erscheinen als Projektionen auf der Bühnenwand. Aber natürlich hat Münsters Schauspieldirektor weit mehr im Sinn, als den Klassiker mit schöner Ironie auszustatten.

Der Kampf um die Freiheit nämlich, das thematisiert Schiller und das zeigt Behnke, ist auch eine moralisch schwierige Sache. Titelheld Tell genießt Freiheit zunächst ganz naiv: Der Schauspieler Jonas Riemer, von der Statur her eigentlich jeder Zoll ein Held, gibt ihn als Softie im Schlabberparka, der seinem Sohn das Stricken beibringt und seiner Frau die Arbeit mit der Axt im Haus überlässt. Doch als ihn die Willkür des Reichsvogts Gessler trifft, wird er zum Tyrannenmörder.

Peter Scior hat eine wuchtige drehbare Mauer vor Schneelandschaft auf die Bühne des Großen Hauses gestellt, sie kann Gebirge oder Zwingburg sein. Ob indes die Eidgenossen, die sich da auf dem Rütli versammeln, langfristig eine Zukunft in Freiheit garantieren, lässt sich angesichts der fünf feschen Lederhosen-Rapper, als die Frank Behnke sie in den Kostümen Cornelia Kraskes zeigt, nicht zweifelsfrei sagen: Sie feiern später feuchtfröhlich ihr Ideal und erheben Tell zur Ikone, während der seinerseits den Königsmörder Parricida für dessen Tat kritisiert. Tells Schwiegervater immerhin (Wilhelm Schlotterer) lässt angesichts des toten Gessler Brecht zu Wort kommen: „Der Schoß ist fruchtbar noch ... “. Und Andrea Spicher darf als reiche Erbin und Eidgenossen-Sympathisantin Berta aus ihrer Rolle treten und aus der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung zitieren, dass ein Volk eine gewaltsame Regierung „abwerfen“ müsse.

Wilhelm Tell - Schauspiel von Friedrich Schiller

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  • Jonas Riemer als Wilhelm Tell in der Inszenierung von Frank Behnke.

    Foto: Oliver Berg
  • Mitte: Christoph Rinke als Hermann Gessler und Jonas Riemer als Wilhelm Tell. 

    Foto: Oliver Berg
  • Tell konnte seinen Häschern während eines Seesturms entkommen: Jonas Riemer als Wilhelm Tell (vorne) und das Ensemble.

    Foto: Oliver Berg
  • Tell (Jonas Riemer) sagt Gessler (Christoph Rinke) ins Gesicht, dass der zweite Pfeil für ihn gewesen sei und platziert den Apfel, den er vorher seinem Sohn vom Kopf geschossen hat, auf Gesslers Kopf.

    Foto: Oliver Berg
  • Standing Ovations gab es im Großen Haus für die Inszenierung, insbesondere auch für die schauspielerische Leistung von Christoph Rinke und Jonas Riemer.

    Foto: Oliver Berg
  • Dominik Paul Weber, Ilja Harjes, Frank-Peter Dettmann, Louis Nitsche, Wilhelm Schlotterer

    Foto: Oliver Berg
  • Jonas Riemer, Ensemble

    Foto: Oliver Berg
  • Jonas Riemer, Wilhelm Schlotterer, Ulrike Knobloch, Dominik Paul Weber, Louis Nitsche, Paul Maximilian Schulze, Ilja Harjes, Christoph Rinke, Andrea Spicher, Frank-Peter Dettmann

    Foto: Oliver Berg
  • Jonas Riemer als Wilhelm Tell neben dem toten Hermann Gessler (Christoph Rinke).

    Foto: Oliver Berg
  • Christoph Rinke - hier in der Rolle als flüchtiger Parricida - bittet den Tyrannenmörder Tell um Beistand. 

    Foto: Oliver Berg

Den Mann, den Tell erschießt, stellt Christoph Rinke als kühlen Zyniker dar, der auch mit Sprachgewalt sein Unterdrückerregime festigt. Die Regie fügt Gauland-Zitate wie „Wir werden sie jagen!“ in Gesslers Rede ein, womit deutlich wird, dass keineswegs ein moderner Freiheitskämpfer gegen die Regierung, sondern ein Demagoge solche Worte verwendet. Wenn er dann aber nach Tells Schuss zusammenbricht, bleibt die beklemmende Erkenntnis: Ein Mensch wurde ermordet.

Frank Behnke gelingt das Kunststück, Schillers Tell als zeitlos gültiges Stück über den Freiheitskampf zu zeigen und gleichzeitig vor falscher Vereinnahmung zu warnen. Die szenischen Pendelschwünge zwischen Ironie und dosiertem Pathos sichern dem Text große Aufmerksamkeit: Der keine drei Stunden dauernde Abend ist staunenswert kurzweilig – auch dank eines starken Ensembles, aus dem Carlo Steinhaus als Tell-Sohn Walter den größten Happen des Premierenbeifalls ergatterte.

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