Das neue Programm von Michael Tumbrinck „Der Erfolg gibt mir nichts“
Mammon bedrängt den Moralisten

Münster -

Er schlurft herein, als sei das Leben schon gelaufen und Kapitulation nur eine Frage der Zeit – wie ein Misanthrop auf Loser-Autopilot: Geld könne man nicht verdienen mit der Kleinkunst. Millionen gibt’s nur für „Kochschnullis, Hundeklugscheißer und Hirschhausen“. So hebt das Elendslamento an und nimmt Kurs auf „Comedy-Sklaven auf Kreuzfahrtschiffen“, zweifelhafte Komplimente („Ah, Herr Kleinkunstkünstler, wissen Sie, wer wirklich lustig ist?“) und den Diskursterror der „political correctness“ („Rassismus – das ist dünnes Eis!“).

Montag, 05.11.2018, 17:14 Uhr
Veröffentlicht: Sonntag, 04.11.2018, 17:40 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Montag, 05.11.2018, 17:14 Uhr
Michael Tumbrinck wirft Spott-Lichter auf seine eigene Kabarettistenbranche.
Michael Tumbrinck wirft Spott-Lichter auf seine eigene Kabarettistenbranche. Foto: Günter Moseler

Aber der Typ bleibt cool wie Clint Eastwood beim Showdown im leergefegten Goldgräberkaff – und trifft mit jeder Silbe die Unterhaltungsbranche in ihre herzlose Mitte.

Die feine Bühne im Kreativhaus erwies sich als ideal für Michael Tumbrincks neues Programm „Der Erfolg gibt mir nichts“, das den Glitzer-Glamour medialer Großmäuler aufs Korn nimmt, die „big-brother-is-watching-you“-Fassade der „Big-Data“-Posen einreißt und Demokratieferne des Digital-Lifestyle geißelt. Tumbrinck ist der analoge Sprachartist, dem Erfolg von heute, je größer er scheint, umso scheinheiliger vorkommt. Eine Spur Resignation blieb folgerichtig zwischen den Zeilen unüberhörbar, als verabschiede der Kabarettist kritische Kunstformen, die per Meinungs- und Unterhaltungshysterie schier begraben wurden.

Die Politikergilde töne vom „digitalen Unterricht“, sinniert Tumbrink, aber: „Computerisierung in der Grundschule halte ich für eine Straftat!“. Das Leitmotiv „Keine Kohle“ zieht sich auch durch Anfragen der Agenturen: „Ob ich was zu Rassismus machen könne? So als ,flotter Einstieg ins Thema.‘“ – „Bin ich der falsche Mann. Es sei denn, die Gage stimmt. Dann bin ich käuflich wie alle anderen.“ Dass der schnöde Mammon noch den weisesten Moralisten in die Defensive treiben kann, unterschlägt Tumbrinck, als Postbote kostümiert, so wenig wie Kritik am System: „Ich stelle alles zu. Auch Drohpost von Neonazis. Wo kommt da eigentlich das Geld her?“

Mitleidslose Ironie nimmt Wählernaivität („Gewählt wird nach Tradition, Milieu oder Sympathie“) ebenso ins Visier wie soziale Vereinsamung, Vorurteile oder die geplante Abschaffung des Bargelds – für Stanis Exkumpan stürzt alles den digitalen Orkus hinab. Mit derart radikaler Lässigkeit bekommt man das selten um die Ohren gehauen: Respekt! Hier wird die Hypermoderne analog zu Kleinholz verarbeitet – Tumbrincks große Kleinkunst ist jedenfalls nichts für Kleingeister. Begeisterter Beifall.

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