Gabriele Brüning spielt seit zehn Jahren „Fräulein Else“
Immer noch aktuelle Seelennöte

Münster -

Ein Jubiläum für einen Klassiker. Seit zehn Jahren spielt Gabriele Brüning „Fräulein Else“ von Arthur Schnitzler.

Montag, 05.11.2018, 17:14 Uhr
Veröffentlicht: Montag, 05.11.2018, 17:14 Uhr
Gabriele Brüning spielt zum Zehnjährigen ihrer „Fräulein Else“ von Arthur Schnitzler das Stück im Pumpenhaus.
Gabriele Brüning spielt zum Zehnjährigen ihrer „Fräulein Else“ von Arthur Schnitzler das Stück im Pumpenhaus. Foto: Helmut Jasny

Der Brief erreicht Else in der Sommerfrische. Der Vater, erfährt sie, habe Spielschulden angehäuft. Um ihn vor Gefängnis oder gar Selbstmord zu bewahren, soll sie den befreundeten Kunsthändler Dorsday um ein Darlehen von 30 000 Gulden bitten. Dieser willigt zwar ein, stellt aber eine Bedingung: Else soll sich ihm nackt zeigen. Das stürzt die 19-Jährige in eine tiefe Krise.

In seiner 1924 erschienenen Novelle „Fräulein Else“ zeichnet der österreichische Schriftsteller Arthur Schnitzler den Gewissenskonflikt des Mädchens nach. Aus dem Text hat die Schauspielerin Gabriele Brüning eine szenische Lesung gemacht, mit der sie seit zehn Jahren Publikum und Presse gleichermaßen begeistert. Am Sonntagabend feierte sie das Jubiläum im Pumpenhaus.

Darstellerisch legt Brüning schnell ein hohes Niveau vor, das sie über die gesamten zwei Stunden Aufführungsdauer hält. Wenn sich Else über die Menschen in ihrer Umgebung lustig macht, fühlt man sich an einen modernen Teenager erinnert. Umso eindringlicher wirken dann die seelischen Nöte, die Dorsdays Ansinnen in ihr auslöst. Es geht um sexuelle Übergriffe und darum, ob Else sich verkaufen soll – ein Thema, das angesichts der aktuellen #MeToo-Debatte hochaktuell sei, so Brüning.

Ihr Auftritt bewegt sich im Grenzbereich zwischen Schauspiel und szenischer Lesung. Mit perfektem Timing wechselt sie zwischen Dialog und innerem Monolog und schöpft dabei eine große Bandbreite an Stimmungen aus. Elses Reflexionen über ihre Erziehung und die Rolle der Frau wirken ebenso glaubhaft und nachvollziehbar wie das moralische Dilemma, entweder ihre Familie oder ihre Unschuld opfern zu müssen.

Es ist ein Wechselbad der Gefühle, dem Else ausgesetzt ist, als sie erkennt, dass ihre unbeschwerte Mädchenwelt zusammenbricht. Einmal hofft sie sogar, der Vater möge Selbstmord begehen, damit sie Dorsday nicht mehr zu Willen sein muss, bekommt dann aber sofort Schuldgefühle, die nicht weniger schnell in Wut umschlagen, den Männern derart ausgeliefert zu sein.

„Ich finde es faszinierend, wie sich Schnitzler psychologisch in das Mädchen hin­einversetzt“, sagt Brüning. Auf die Novelle war sie bereits als Schülerin gestoßen. Die Entscheidung, damit aufzutreten, kam, als sie Auszüge daraus für ein anderes Stück verwendete.

„Fräulein Else“ wird es in Münster demnächst zweimal geben. Am 15. November hat Andrea Spichers modernisierte Version unter dem Titel „fräuleinelse.com“ im U2 des Theaters Münster Premiere. Brüning wird darin als Videobotschaft den verhängnisvollen Brief lesen. Der Kontakt zwischen den beiden Schauspielerinnen kam beim Theatermarathon „24 Stunden Münster“ zustande.

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Gabriele Brüning ist mit „Fräulein Else“ noch einmal am Sonntag (11. November) um 18 Uhr im Pumpenhaus, Gartenstraße 123, zu sehen. Karten im WN-Ticket-Shop am Prinzipalmarkt oder online:    | www.localticketing.de

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