Leonie Hafen und Veronika Simmering im Wewerka-Pavillon
Schönes Zaudern und Zögern

Münster -

Alle warten auf die Antworten, auf die Fragen. Auf die Schönheit des Dazwischen achtet niemand. Leonie Hafen und Veronika Simmering schon.

Dienstag, 13.11.2018, 18:00 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 13.11.2018, 18:00 Uhr
Leonie Hafen und Veronika Simmering (v.l.) haben elf Personen interviewt. Aber die beiden Künstlerinnen verwendeten nicht deren Antworten, sondern deren Zögern, Warten, Nachdenken für ihr Video-Projekt „Stille Interviews“, das im Wewerka-Pavillon zu sehen ist.
Leonie Hafen und Veronika Simmering (v.l.) haben elf Personen interviewt. Aber die beiden Künstlerinnen verwendeten nicht deren Antworten, sondern deren Zögern, Warten, Nachdenken für ihr Video-Projekt „Stille Interviews“, das im Wewerka-Pavillon zu sehen ist. Foto: Gerhard H. Kock

Alle warten auf die Antworten, auf die Fragen. Auf die Schönheit des Dazwischen achtet niemand. Leonie Hafen und Veronika Simmering schon. Die beiden Künstlerinnen der Kunstakademie Münster machen die Interview-Pause zum zentralen Element ihrer Videoarbeit für den Wewerka-Pavillon.

Für ihre Arbeit haben sie elf Personen gebeten, ihnen 25 Fragen zu beantworten: von „Wie heißt die Hauptstadt von Nicaragua?“ bis „Was bereust Du?“. Oder sie forderten die Freiwilligen auf, ihnen vom schönsten Tag in ihrem Leben zu erzählen. Was die Befragten nicht wussten: Die Antworten waren nicht von Interesse, sondern die Zeit zwischen Frage und Antwort und Frage.

Aus diesen Schweigeschnipseln haben Hafen und Simmering einen Bilder-Reigen zusammengeschnitten (den die Beteiligten gesehen und genehmigt haben). In den tonlosen, rund zehnminütigen Loops „Stille Interviews“ sind die Verhaltensweisen von fünf Personen auf der einen und sechs auf der anderen Seite der Leinwand zu beobachten. Und das ist überaus interessant.

Einem empathischen Beobachter wird das Ausgeliefertsein, der voyeuristische Moment spürbar, der jedem Interview innewohnt, aber hier überdeutlich wird. Durch die ästhetische Reihung bestimmter mimischer oder gestischer Formen verbindet sich das Einzelverhalten zu einem urmenschlichen Moment: das Verlegenheitslächeln, die Lippen leckende Zunge, das Kratzen am Kopf. Auch, vielleicht gerade diese Zeichen der Unsicherheit stimulieren über die Spiegelneuronen eine mitmenschlich anrührende Verbindung zwischen Betrachter und „Betroffenen“.

Selbstverständlich verleitet das charakteristische Verhalten dazu, sich Persönlichkeitsmuster vorzustellen. Auch der Grad an Kontrolle oder Lebendigkeit wird offensichtlich, das Menschliche und die Rolle, in der sich Befragte einfügen. Wenn sie antworten. Aber dazwischen können sie ins Menschliche zurückfallen: denken nach (Augen gen Himmel), sind überrascht (zeigen Zähne), werden unsicher (senken den Blick). Es fällt schwer, sich nicht vom Anblick dieser Mitmenschen im Zwischenreich der Sprechpausen bannen zu lassen. Da ist es dann nur eine Spielerei sich zu fragen, welche Frage es wohl gerade gewesen sein mag, die diese oder jene Reaktion hervorgerufen hat. Oder ob die Reaktion das Erwarten der nächsten Frage ist, die danach „drohen“ könnte . . .

Auf die Idee gekommen sind Simmering und Hafen beim Schauen eines Familienvideos, das sie sich ohne Ton angesehen hatten.

Zum Thema

Die Video-Arbeit ist bis zum 16. Dezember täglich von 15 bis 22 Uhr im Wewerka-Pavillon, Aasee-Uferweg (Kardinal-von-Galen-Ring/ Annette-Allee), zu sehen.

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