Hornist ohne Arme
„Ich fand diesen Klang so schön“

Münster -

Felix Klieser ist ohne Arme geboren. Das hat ihn nicht daran gehindert, einer der gefragtesten Horn-Solisten zu werden. Im Interview spricht der Musiker über seine Passion, das Kiekser-Risiko und seine neue Aufgabe in Münster.

Samstag, 17.11.2018, 14:46 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 17.11.2018, 14:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Samstag, 17.11.2018, 14:46 Uhr
Felix Klieser bedient die Hornventile mit den Zehen. Das Horn ist an einem Gestell befestigt.
Felix Klieser bedient die Hornventile mit den Zehen. Das Horn ist an einem Gestell befestigt. Foto: Maike Helbig

„Ein Hornist ohne Arme erobert die Welt“, lautet der Titel seiner Autobiografie: Felix Klieser gehört zu den gefragtesten Solisten seines Instruments und wird nicht nur am 2. Dezember in Münsters Theater ein Konzert geben, sondern unterrichtet auch an der hiesigen Musikhochschule.

Guten Tag Herr Klieser, Sie sind gerade aus Hannover nach Münster gekommen. Wie kam es denn zu Ihrem Engagement an der Musikhochschule?

Felix Klieser: Die Cellistin Elisabeth Fürniss, frühere Stimmführerin im Sinfonieorchester Münster, hatte mich auf die Ausschreibung aufmerksam gemacht. Im Juli bin ich direkt aus meinem Urlaub zum Vorspielen und Probe-Unterricht gekommen. Ich reise und spiele gern als Solist und Kammermusiker, aber ich habe auch einen Fixpunkt gesucht, etwas Regelmäßiges, wo man mit den gleichen Leuten zusammenarbeitet. Seit Oktober unterrichte ich nun regelmäßig einmal in der Woche in Münster. Es ist eine sehr kleine Hornklasse mit zwei Studenten. Und Münster ist eine schöne Stadt, von Hannover aus gut zu erreichen.

Aber eine Stelle in einem berühmten Orchester haben Sie nie angestrebt?

Klieser: Ich habe im Bundesjugendorchester gespielt, genieße aber die Freiheit, die ich als Solist und Kammermusiker habe. Ich spiele in ganz unterschiedlichen Besetzungen, beim kommenden Schoneberg-Konzert in Münster zum Beispiel gemeinsam mit dem Zemlinsky-Quartett. Auf dem Programm stehen das Hornquintett von Mozart und sein zweites Hornkonzert in einer Bearbeitung für Streichquartett und Horn. Es ist so schön, auf der Bühne zu stehen und die Aufmerksamkeit des Publikums zu bekommen.

Durch Zufall fiel mir gestern erst eine CD in die Hände, auf der ich Sie gar nicht vermutet hatte: Lieder von Richard Strauss, gesungen von Christiane Karg ...

Klieser: Genau, das Lied „Alphorn“ von Richard Strauss mit der zusätzlichen Hornstimme ist ja kaum bekannt. Es wird selten gespielt, weil man es schlecht in einem Liederabend unterbringen kann – man müsste extra einen Hornisten engagieren. Christiane Karg hatte mich danach gefragt.

Richard Strauss ist ohnehin eine gute Adresse für Hornisten, oder?

Klieser: Ja, Richard Strauss kannte sich mit dem Horn bestens aus, sein Vater Franz Strauss war als Hornist ursprünglich der Star der Familie, er wurde von Richard Wagner bewundert. Es gibt ja nicht nur die beiden Hornkonzerte: In den Orchesterwerken von Richard Strauss ist das Horn effektvoll eingesetzt, im Don Juan etwa oder im Heldenleben.

Sie erzählen in Ihrer Autobiografie, dass Sie schon als Vierjähriger kein anderes Instrument spielen wollten als das Horn, dass Sie etwa von einem Xylophon nichts wissen wollten. Aber Sie wissen nicht, warum das so war?

Klieser: Man kann sich so schwer daran erinnern, was man als Vierjähriger empfand. Durch irgendeinen Zufall wollte ich Horn spielen, vielleicht habe ich es mal in der Sendung mit der Maus gesehen. Jedenfalls ging’s mir nicht ums Musikmachen: Es ging mir ums Hornspielen. Und aus meinem familiären oder persönlichen Umfeld kam die Anregung auch nicht – es ist ein Rätsel.

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Hornist Felix Klieser und Schülerin Shamin Haghshenas in der Musikschule. Foto: Jürgen Christ

Hatten Sie denn Idole, Hornisten wie Hermann Baumann oder Peter Damm?

Klieser: Die Mozart-Konzerte mit Hermann Baumann waren meine erste Horn-CD. Ich fand diesen Klang so schön, habe aber nicht ansatzweise so einen Klang erzeugen können. Es ging zunächst langsam bei mir, ich habe eineinhalb Jahre gebraucht, bis ich „Alle meine Entchen“ spielen konnte. Das Horntrio von Brahms, das im Zentrum meiner neuen CD steht, lernte ich durch eine Aufnahme von Peter Damm, dem legendären Hornisten der Dresdner Staatskapelle, kennen, da war ich neun oder zehn Jahre alt. Auch er war einer der großen Stars des Horns, ähnlich wie Baumann. Solche reisenden Solisten gibt es ja heute kaum, auch Stefan Dohr aus Münster etwa hat ja seine feste Stelle als erster Hornist der Berliner Philharmoniker.

Wenn es um Hornisten geht, die man öfter mal in Talkshows sieht, fallen mir genau zwei ein: Sarah Willis und Felix Klieser.

Klieser: Sarah Willis, ebenfalls bei den Berliner Philharmonikern, ist ja sehr medienaffin, sie hat sogar ihre eigene Fernsehsendung. Wir haben übrigens ein gemeinsames Programm mit dem Minetti-Streichquartett aus Wien, damit sind wir auch schon in der Elbphilharmonie aufgetreten.

Und dass es in Ihrem Fall immer um den „Hornisten ohne Arme“ geht, stört Sie nicht?

Klieser: Nein, denn ich bin nun mal ohne Arme geboren worden, das gehört zu mir einfach dazu.

Sie haben ja eine Vorrichtung, auf der das Horn angebracht ist, und bedienen die drei Ventile mit dem Fuß. Ich konnte allerdings nicht erkennen, wie Sie das machen ...

Klieser: Mit dem dicken Zeh kann ich die ersten beiden Ventile spielen, die kleineren Zehen sind für das dritte Ventil zuständig. Die kann man ja nicht so unabhängig bewegen.

Müssen Sie eigentlich eigens trainieren? Die Körperhaltung ist doch sicherlich anstrengend – Instrumentalisten muten ihren Körpern ja ohnehin schwierige Haltungen zu.

Klieser: Das ist wahr, viele in meinem Alter (Klieser ist 27) haben schon Probleme. Ich zum Glück nicht, und ich muss auch nicht eigens trainieren. Allerdings nehme ich mir immer vor, Sport zu treiben – ich habe mich schon im Fitnesscenter angemeldet, und meine Freundin hat mir die passenden Klamotten gekauft (lacht).

Zur Person

Felix Klieser, am 3. Januar 1991 in Göttingen geboren, begann als Fünfjähriger mit dem Hornunterricht und wurde mit 17 Jahren Jungstudent in Hannover. Heute ist er einer der gefragtesten Solisten seines Instruments und unterrichtet an der Musikhochschule Münster.

...

Ihr Instrument wird ja gern scherzhaft als „Glücksspirale“ bezeichnet, weil die Gefahr des Kieksens, der nicht sauber getroffenen Töne, größer ist als bei anderen Blechbläsern. Liegt das an der Trichterform des Horn-Mundstücks?

Klieser: Die Kiekser-Gefahr des Horns hängt eher mit seiner Bauart als mit seinem Mundstück zusammen: Entscheidend ist das Verhältnis von Länge und Durchmesser des Rohrs. So hat die Tuba ein sehr langes, aber auch sehr dickes Rohr, die Trompete ein schmales, aber eben auch kurzes. Nur das Horn, diese ausgerollt „knapp vier Meter lange Blechwurst“, ist lang und dünn.

Anhänger der historischen Aufführungspraxis ersetzen das moderne Ventilhorn ja durch alte Instrumente, bei denen man bestimmte Töne nur durch das Stopfen mit der Hand erreicht. Funktioniert das mit Ihrer Vorrichtung auch?

Klieser: Selbst Brahms hat noch bei der Komposition seines Trios an das Naturhorn gedacht, aber man spielt es mit dem Ventilhorn, ohne die fehlenden Töne durch Stopfen erzeugen zu müssen. Ich habe zwar eine Vorrichtung, mit der ich entweder einen Dämpfer oder einen Stopfer verwenden kann, finde aber für das Musizieren das Wissen um diese unterschiedlichen Töne des Horns wichtiger. In Mozarts zweitem Hornkonzert etwa gibt es diese Moll-Stelle im Finalsatz, die aus Tönen besteht, die damals nur durch Stopfen zu erzeugen waren. Darüber hat sich Mozart lustig gemacht, indem er die Streicher anschließend kichern lässt. Das spielen wir übrigens auch in Münster.

Habe ich es eigentlich richtig verstanden, dass Ihr Interesse für die klassische Musik erst durch das Hornspiel geweckt wurde?

Klieser: Das Hornspiel war ein Hobby, reiner Spaß. Klassik fand ich zwar immer gut, aber es stimmt, dass ich durch das Instrument zur Musik gekommen bin, nicht umgekehrt. Wäre das Horn in der Popmusik wichtiger, wäre ich vielleicht dort gelandet.

Und was reizt sie jetzt, als bekannter Virtuose, besonders am Horn?

Klieser: Es geht mir nicht um die Virtuosität. Wenn zum Beispiel in einem Stück piano vorgeschrieben ist, kann das – bei Bach oder bei Strawinsky – etwas ganz anderes bedeuten, es kann niedlich, aber auch gruselig sein. Und das Horn kann all diese Facetten wiedergeben. Das ist es, was mich am meisten interessiert.

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