Kaléko-Abend im Kleinen Bühnenboden
Poetische Seismografie des Alltags

Münster -

Zwei Frauen sitzen auf einer Parkbank, lesen Zeitung und geraten über die Nachrichten zunehmend in Rage. Am Ende einer in geschliffenen Versen gehaltenen Polemik gegen das Weltgeschehen, in dem „zu viele Leute, zu wenig Menschen“ mitmischen, landen die Zeitungen zerknüllt im Abfall: Abo gekündigt.

Sonntag, 25.11.2018, 18:04 Uhr aktualisiert: 26.11.2018, 17:58 Uhr
Die Akteure Johannes Drees, Anette Fritzen und Dagmar Knaup im Kleinen Bühnenboden
Die Akteure Johannes Drees, Anette Fritzen und Dagmar Knaup im Kleinen Bühnenboden Foto: wam

Für die oft als weibliches Pendant zu Kästner und Ringelnatz bezeichnete Mascha Kaléko (1907-1975) war das Problem damit allerdings keineswegs gelöst. Denn die Frage, wie man sich den Herausforderungen der Zeit stellt und ob man ihnen überhaupt entweichen kann, wurde entscheidend für die Melodie ihrer Werke.

Bei der ausverkauften Premiere des lyrischen Abends „Kaléko Pur!“ begegnete das Publikum einer Dichterin, deren „lockerer und gleichzeitig wehmütiger Ton“ das Lebensgefühl der Zeit in Poesie übersetzte. Und ihr eigenes allemal: In Kalékos Biografie, die Johannes „Tönne“ Drees kunstgerecht in den bunten szenischen Reigen einwob, schwingt das Pendel ständig zwischen Heimat und Exil. Galizien, Berlin, New York, Israel sind Stationen der jüdischen Künstlerin, die kurz vor den Pogromen von 1938 Deutschland verließ. „Die Fremde ist ein kaltes Kleid / mit einem engen Kragen“, singt Anette Fritzen in hochgeknöpftem Mantel, einen Koffer in der Hand. Gleich darauf werfen sie und Dagmar Kaup sich punktgenau die Bälle zu, lachend über Erinnerungen, die mit der Gegenwart verglichen werden: „Der Schmetterling / er wurde korpulent“, heißt es über den Gatten. Pianistische Begleitungen und Intermezzi von Roland Halemba malen den Wechsel der Zeiten (in denen man laut Dichterin immer nur zur Untermiete wohnt) und Gefühle musikalisch aus: Von schmissigem Ragtime über „Yesterday“ bis zu Richard Sandersons Heuler „Reality“.

So flüssig wie der Stil der Texte, vermittelt „Kaléko pur“ anrührend das Lebenswerk einer Dichterin, deren Heiterkeit und Ironie sich nach Schicksalsschlägen verdunkelte, aber dennoch konsequent und pointiert blieb. Der wogende Applaus zeigt auch, dass diese poetische Seismografie des Alltags noch immer ein exzellentes Vademecum abgibt.

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