„Kollektiv Lautsprecherei“ in der neuen Studiobühne
Angst im Handgepäck

Münster -

Die Koffer, die die Reisenden mit sich führen, sind bloß hohle Gerippe, Rahmen aus lackiertem Rohr. Aber sie haben es in sich: Tafeln mit Parolen, mal Schwarz auf Weiß, mal umgekehrt. Darauf steht „Refugees Welcome“. Oder „Wir sind das Volk“. Das riecht nach Konflikten . . .

Montag, 26.11.2018, 17:58 Uhr
„Kollektiv Lautsprecherei“ in der Studiobühne: Haltungen und Gefühle sind im Handgepäck des Lebens immer mit dabei.
„Kollektiv Lautsprecherei“ in der Studiobühne: Haltungen und Gefühle sind im Handgepäck des Lebens immer mit dabei. Foto: wam

Ein auf offener Strecke steckengebliebener Zug ist der Spielplatz der zweiten Produktion des Theaterkollektivs Lautsprecherei. „Nightsea Crossing“ nutzt das Motiv der Reise für eine „brutale Allegorie“ (so ein namenloser junger Mann im fiktiven Ruheabteil) auf gesellschaftliche Zerrissenheit und individuelle Verunsicherung. In einer oft rasanten Taktung mit mannigfaltigen Stilelementen und mit Referenzen aufgeladenen kurzen Szenen hat das Ensemble um Sabrina Toyen (Text und Regie) ein bisweilen atemlos machendes Stück geschaffen.

Die sprunghafte Form entspricht indes dem Thema. Oder besser: dessen Gemenge aus Orientierungslosigkeit, Gefühlen von Kontrollverlust, dem ständigen Schwappen des Politischen ins Private und zurück, der Suche nach einem Halte- und Standpunkt, während man „vom Inhalt fremder Köpfe überrollt“ zu werden scheint.

Und so rollt diese hybride Schöpfung furios durch die Studiobühne, mit rhythmischer Sportgymnastik im Bärenkostüm, Slam-Poetry als Rap-Einlage zu einem Schlagzeugsolo, expressivem Tanz, Filmeinspielungen, Alexander Gaulands „Vogelschiss“-Rede, Macrons EU-Initiative. Und viel hervorragender Musik von der Band um Timo Neumann, die oft an Autorenkino-Soundtracks erinnert oder Patti Smith zitiert.

Nach einer Strategie, die die Widersprüche auflöst und zueinanderfinden lässt, wird unablässig gesucht. „Halt’ mich bitte einfach fest!“, fordert ein Chor repetitiv, als ein weibliches Paar sich gegenseitig Verständnislosigkeit vorwirft. „Hast du angefangen, mich falsch zu sehen, als du immer wieder versucht hast, mich zu verstehen?“, wird an anderer Stelle die Wirkmächtigkeit von Empathie hinterfragt. Die Angst reist als Handgepäck stets mit. Auch als in scheinbarer Harmonie alle bei einem Singer/Songwriter-Konzert vereint sind, Hysterie, Zynismus und kühle Rationalität von Gefühlsduselei fortgeschwemmt werden, haben sie doch ihre Koffer dabei.

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