Multiples von Joseph Beuys im Landesmuseum
Filz-Etikett und Zitronen-Strom

Münster -

Filz gefällig? Aber klar, in einer Joseph-Beuys-Ausstellung kann dieses Material nicht fehlen – und sei es als stilisiertes Etikett auf einer kleinen Sodaflasche. Und wer das berühmte Fett im Werk des 1986 gestorbenen Künstlers sucht, der wird im Lichthof des Westfälischen Landesmuseums ebenfalls fündig: bei einem „Objekt zum Schmieren und Drehen“ etwa oder einem Weckglas mit Inhalt „aus dem Maschinenraum“. 

Mittwoch, 28.11.2018, 15:34 Uhr aktualisiert: 28.11.2018, 18:06 Uhr
Die „Capri-Batterie“ muss regelmäßig mit einer frischen Zitronen-Stromquelle versorgt werden.
Die „Capri-Batterie“ muss regelmäßig mit einer frischen Zitronen-Stromquelle versorgt werden. Foto: Jürgen Christ

Der Witz der Schau aber ist: Die beiden Kult-Materialien dominieren keineswegs, und die vielen ausgestellten Objekte sind nicht groß oder gar raumfüllend, sondern so klein, dass sie gemeinsam auf Tischen präsentiert werden können. Wie vielleicht beim Kunstsammler daheim. „Hülle und Kern“, die Ausstellung mit Multiples von Joseph Beuys, hat in einer solchen Sammlung ihren Ursprung: Im Sommer war das Unternehmer-Ehepaar Ro­tert an Münsters Museum herangetreten, um ihm seine Beuys-Objekte zu schenken.

Sie hatten Multiples gesammelt, also kleinere Kunstwerke, die in größeren Auflagen hergestellt und vergleichsweise preiswert verkauft wurden – dem demokratischen Ansatz des Künstlers entsprechend, Kunst und politisches Bewusstsein in der Gesellschaft auszubreiten. So konnte man, wie Kuratorin Dr. Marianne Wagner erzählt, in den 70er Jahren die hübsche Holzkiste mit dem Titel „Intuition“ für ganze 7 Mark erwerben – auch heute noch sei sie erschwinglich.

Darf nicht fehlen: der Filzanzug 

Andere Multiples hingegen, die nicht 12 000 Mal (!), sondern nur in kleiner Stückzahl entstanden, waren natürlich teurer und sind heute nur für wenige Privatsammler bezahlbar: Der Filzanzug gehört dazu. Beide Objekte zieren die Ausstellung.

Dass Münsters Museum ein solches Geschenk angeboten bekam, zeugt von „Wertschätzung und Vertrauen“, wie Museumsdirektor Dr. Hermann Arnhold bestätigt. Führte dann aber auch zu größerem Arbeitsaufwand, weil die etwa 150 Objekte, die in sehr gutem Zustand eintrafen, sorgsam inventarisiert werden mussten, um nun einen neuen Schwerpunkt in der Museumssammlung zu bilden.

LWL-Museum zeigt Multiples von Joseph Beuys

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  • Am morgigen Donnerstag (29.11.) wird im historischen Lichthof des LWL-Museums für Kunst und Kultur die Ausstellung „Hülle und Kern. Multiples von Joseph Beuys“ eröffnet.

    Foto: Jürgen Christ
  • Auf mehreren Tischen werden Werke aus der Schenkung des Osnabrücker Sammlerpaares Ingrid und Manfred Rotert an das Landesmuseum ausgestellt, die insgesamt 150 Objekte umfasste.

    Foto: Jürgen Christ
  • Die Werke sind offen auf geschwungenen Tischen platziert, statt geschützt hinter dem Glas einer Vitrine.

    Foto: Jürgen Christ
  • Die Auswahl enthält Objekte, Postkarten, Fotografien und Grafikeditionen - sogenannte „Multiples“, in einer Serie von mehreren Exemplaren hergestellte Kunstobjekte. Eines davon ist die „Capri-Batterie“ von 1985.

    Foto: Jürgen Christ
  • Kurz vor seinem Tod schuf Beuys dieses Objekt während eines Aufenthaltes auf der italienischen Insel Capri. Über die Glühbirne, die ihre Energie aus einer Zitrone bezieht, thematisiert der Künstler die Endlichkeit natürlicher Ressourcen.

    Foto: LWL/Anne Neier
  • Mit den „Multiples“ schuf Beuys eine große Anzahl erschwinglicher Werke - hier die „Stempelplastik“ von 1982 -, die seine Kunst der breiten Masse zugänglich machen sollten - getreu seinem Motto „Jeder Mensch ist ein Künstler“.

    Foto: Jürgen Christ
  • Die Werke enthalten zum Teil alltägliche Gegenstände, hier mit einem Flaschenetikett aus Filz ...

    Foto: Jürgen Christ
  • ... oder wie beim Werk „Ich kenne kein Weekend“ von 1972, das aus einer Maggi-Flasche und einer Reclam-Ausgabe von Kants „Kritik der reinen Vernunft“ besteht.

    Foto: Jürgen Christ
  • Die von Dr. Marianne Wagner kuratierte Ausstellung wird am morgigen Donnerstag um 18 Uhr eröffnet ...

    Foto: Jürgen Christ
  • ... und ist bis zum 29.09.2019 zu sehen.

    Foto: Jürgen Christ

Und für die jetzige Präsentation wurden eigens neue, originell geschwungene Tische geschaffen, auf denen die Objekte nun so direkt und in kommunikativer Atmosphäre gezeigt werden, wie es mit Schaukästen und Vitrinen kaum möglich wäre. Wer ein feines Näschen besitzt, kann vielleicht sogar dezenten Zitronengeruch am Objekt „Capri-Batterie“ erschnüffeln: Die Zitrone, die der Glühbirne Strom liefert, muss ja immer frisch sein und wird regelmäßig ausgetauscht.

Ganz andere Gerüche entströmten einem Kasten, der fünf Filmspulen des Ingmar-Bergman-Films „Das Schweigen“ enthielt: Beim Öffnen habe sich mächtiges Aceton-Aroma verbreitet, erzählt Marianne Wagner. Auf demselben Tisch am Rand des Lichthofs finden sich Tonband-Spulen in – natürlich – Filzhüllen. Was auf ihnen zu hören ist, tönt auch aus einem dezent verborgenen Lautsprecher: „Ja ja ja ja ja, nee nee nee nee nee“ orgelt die Stimme des rheinischen Kunst-Schamanen.

Postkarten und Speiseerbsen 

Der Künstler und die Gesellschaft: Was die Biografie des Joseph Beuys ausmacht, lässt sich an der Schau in manchem Detail ablesen. So hat er Alltags-Objekte aus der DDR wie Bildpostkarten oder Speiseerbsen zu Kunstobjekten stilisiert. Zeitungen und Zeitschriften reflektieren seine Beschäftigung mit Wirtschaftswerten; die Idee des Transformierens, der Bewegung und Verwandlung, prägt einen wesentlichen Teil der Schau.

Auf ihren Titel übrigens haben die Sammler selbst gelenkt: Viele der Multiples stecken in einer kleinen „Hülle“ – packt man sie aber aus und blättert sie auf wie die Kartenspiele, so zeigt sich ihr großer „Kern“.

Zum Thema

„Hülle und Kern“. Multiples von Joseph Beuys im LWL-Museum für Kunst und Kultur. Bis 29. September 2019 im Lichthof, dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, freitags bis 22 Uhr   | lwl-museum-kunst-kultur.de

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