Armin Petras’ Theaterfassung von „Anna Karenina“ in Münsters Kleinem Haus
Ehebruch und Schnepfenjagd

Münster -

Wenn Anna Karenina ihren Ehemann mit dem Rittmeister Wronski betrügt, ist Hollywood für gewöhnlich nicht weit. Zahlreiche Verfilmungen des Tolstoi-Romans gibt es, und in Münsters Kleinem Haus zieht Regisseur Max Claessen genüsslich noch andere Parallelen: Auf einer Leinwand im Hintergrund werden ikonische Filmbilder zitiert, da trifft „Vom Winde verweht“ auf den „Wolf of Wall Street“, während der knackige Wronski aussieht wie James Bond mit frischem Duschgel.

Sonntag, 13.01.2019, 15:56 Uhr
Anna Karenina (Sandra Schreiber) liebt Wronski (Jonas Riemer, l.), da kann ihr Gatte Karenin (Daniel Fries) auch noch so schön mit Blumen winken.
Anna Karenina (Sandra Schreiber) liebt Wronski (Jonas Riemer, l.), da kann ihr Gatte Karenin (Daniel Fries) auch noch so schön mit Blumen winken. Foto: OLIVER BERG

Tatsächlich kommen die vertrauten Figuren im Kitsch-Bühnenbild von Ilka Meier wie ihre eigenen Parodien daher: So erscheint die junge Kitty, die in Wronski verliebt ist und deshalb den bedauerlichen Lewin abweist, zum Ball in einem Albtraum von Tüll; Lewin selbst könnte als unterbelichteter Beau von den Coen-Brüdern ersonnen sein, und Annas Mann Karenin trägt seine Bedeutung in einem ölig braunen Anzug spazieren. Anna selbst, die nach Moskau kommt, um die Ehe ihres Bruders zu retten, und dann ihre Affäre mit Wronski beginnt, trägt anfangs eine ganze Kollektion von Outfits zur Schau und liefert sich mit ihrer Schwägerin wahre Soap-Dialoge. „Anna Karenina“, so scheint es zu Beginn des zweieinhalbstündigen Abends, passt gut ins Vorabendprogramm.

Doch Regisseur Claessen , der diese Typenparade mit frechem Witz und perfektem Timing serviert, hat weitaus mehr im Sinn. Er nutzt die Theaterfassung von Armin Petras , die durch eingearbeitete Erzählprosa und mit sprachlicher Modernisierung viel Ironiepotenzial hat, zur Fokussierung auf die Titelheldin. Bei Leo Tolstoi, dessen Romantitel ein bisschen trickst, ist Annas Geschichte nur Teil eines großen Gesellschaftspanoramas. Bei Petras/Claessen hingegen bleibt im Wesentlichen die glücklich ausgehende Lewin-Kitty-Beziehung als Kontrastfolie zu Annas tragischem Scheitern – auch wenn immerhin Episoden wie die Schnepfenjagd angetippt werden.

Das Pferderennen, in dessen Folge Anna sich ihrem Mann offenbart, verdichtet der Regisseur schon zur Sexszene. Die Italienreise schließlich, nachdem Anna die Geburt des unehelichen Töchterchens knapp überlebt hat, wird auch szenisch zum Wendepunkt des Dramas: Wronskis Porträt der Geliebten ist Ausgangspunkt für eine riesige Projektion Annas, vor der sich ganz unspektakulär die weiteren Szenen abspielen, während Annas Erniedrigung in Familie und Gesellschaft in Monologen auf Großformat geschildert wird.

Sandra Schreiber bringt in bewunderungswürdiger Weise die beiden Seiten der Anna-Figur auf Bühne und Projektion (Video: Andreas Klein). Als flirrende Schönheit inmitten der Soap-Gesellschaft prägt sie anfangs das Geschehen, gestaltet virtuos die Fieberwahn-Szene und zieht dann mit den mimischen Facetten, die sie als Ausdruck für Annas tödliche Verzweiflung in den Großaufnahmen bietet, die Zuschauer in ihren Bann. Jonas Riemers Wronski und Daniel Fries’ Karenin sind die punktgenau besetzten Männer an ihrer Seite, das Quartett Ilja Harjes, Isa Weiß, Andrea Spicher und Louis Nitsche überzeugt vor allem in den ersten Szenen mit witzigen Porträts.

„Liebe ist kälter als Russland“ steht zunächst auf dem Vorhang. Klingt witzig, stimmt aber: Hier geht es nicht um wohlige Melancholie aus Hollywood-Russland, sondern um ein bewegendes Schicksal.

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Weitere Aufführungen im Kleinen Haus des Theaters Münster: 19., 23., 26. und 31.Januar.   | www.theater-muenster.com

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