Carolin Kebekus in der Halle Münsterland
Der Witz ist integer

Münster -

Treueschwüre hallen wie Gongschläge durch die Halle Münsterland, eine „Pussy Nation“ wird ausgerufen, Jubel jubelt wie befohlen und 3500 Leute stehen stramm.

Freitag, 08.03.2019, 22:27 Uhr aktualisiert: 08.03.2019, 23:00 Uhr
Carolin Kebekus begeisterte in der Halle Münsterland 3500 Besucher.
Carolin Kebekus begeisterte in der Halle Münsterland 3500 Besucher. Foto: Günter Moseler

Treueschwüre hallen wie Gongschläge durch die Halle Münsterland, eine „Pussy Nation“ wird ausgerufen, Jubel jubelt wie befohlen und 3500 Leute stehen stramm. Fast übertönt das Megafon-Fortissimo die wohlfeile Tendenz der Kebekus-„Queen’s speech“, die pompös sexuelle Gleichberechtigung proklamiert: „Sex ist – wenn beide es wollen!“ Jetzt erscheint Carolin Kebekus auf der Bildfläche: „Tolles Volk – macht alles was ich sage!“. Bis hierhin ist Kolosseum, fehlen noch die wilden Tiere, aber die hat Kebekus schon im Visier: das Publikum.

Im Comedy-Circus-Maximus gibt Caroline Kebekus die Vollblut-Amazone, die (mindestens) drei Speere gleichzeitig werfen kann – alle in die richtige Richtung. In ihrer Show „Pussy Nation“ profiliert sie sich als intime Kennerin grenzenloser Intimität in Klartext-Kanonaden. Jens Spahns flapsige Verlautbarungen zur Pille danach („Das sind doch keine Smarties!“) kontert Kekebus cool: „Der ist 43 und schwul – das ist, als würde mir ein blinder Veganer erklären, wie ein Mettbrötchen aussehen muss.“ Die Halle tobt, das autoritäre Prinzip funktioniert, und jener wird von ihr zugleich seiner Provinzialität überführt.

Im tiefsten Herzen aber ist Kebekus eine altmodische Herrscherin und sieht emotionale Verwahrlosung als Endlosgewitter heraufziehen. Als die „berühmte“ Kebekus in der U-Bahn von Jugendlichen abschätzend beäugt wird („Is sie’s? Is sie’s nich?“) habe einer ungefragt ein Handy-Foto geschossen: Dann zu seinen Leuten zurück: „Nee, is se nich“, habe anschließend das kollektive Urteil gelautet.

Die digitale Welt als ultimativer Beweis für die Existenz der analogen irritiert Kebekus auch bei unzähligen Babyfotos, mit denen Freundinnen ihre Handys fluten, oder bei Instagram-Auftritten, in denen Teenager eine kleine Erkältung mit lasziven Posen garnieren: „I’m sick, but always ready for a dick!“. Die „Likes“ und Bewertungsorgien zahlloser Plattformen wertet Kebekus als Drama desaströser Selbstoptimierung „von Leuten, denen im wahren Leben niemand zuhört“.

Sie grollt, kreischt, tobt, schluchzt, synchronisiert tumbe Männer und blöde Frauen, und wenn es hart kommt auch ein paar Sackhaare. Die Frau kennt wohl kaum irgendwelche Hemmungen. Manchmal verfällt Kebekus in die eckig-quietschige Attitüde einer Comicfigur, die sich blitzschnell aus dem Staub machen könnte – wenn das Publikum ihre drastischen Schmähungen wie faule Äpfel zurück auf die Bühne feuerte. Meistens aber strahlt sie, und das ist hinreißende Begeisterung für den grandiosen Erfahrungsreichtum analoger Welten. Nicht Regression im digitalen Wohlfühl-Bunker, sondern fröhliche Revolution leibhaftig: Kebekus ist voller integrem Witz und eine Comedy-Diva.

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