Drama „norway.today“ im Kleinen Bühnenboden
Das grüne Polarlicht bringt die Wende

Münster -

Einem Suizid stehen schwache Argumente entgegen: die eigenen. Es müsste mehr als eine Welt zusammenkrachen, um den Sprung ins Ungewisse plausibel erscheinen zu lassen. Könnte sich Julie gedacht haben, als sie kurzerhand nach (Suizid-)Begleitung) sucht. Im Kleinen Bühnenboden inszenierte Regisseurin Eva-Maria Lüers das Drama „norway.today“ von Igor Bauersima als todernste Groteske mit komödiantischen Sehnsuchts(aus)blicken.

Sonntag, 10.03.2019, 18:04 Uhr aktualisiert: 12.03.2019, 19:30 Uhr
Julie (Alice Zikeli, l.) hat in Maya (Tatjana Poloczek) eine Gleichgesinnte gefunden.
Julie (Alice Zikeli, l.) hat in Maya (Tatjana Poloczek) eine Gleichgesinnte gefunden. Foto: Hanno Endres

Da verkündet Julie (Alice Zikeli) mit der Pommes-Box in der Hand: „Ich möchte es gemeinsam tun!“ Und fragt: „Möchte jemand mit mir in den Tod gehen?“. Sie faselt irgendwas von „höchstem Akt“ – und der Zuschauer ahnt: Einsame Entscheidungen sind Julies Sache nicht. Eine Strickleiter baumelt von der Decke, auf schneeweißem Boden ist ein oranges Halbmondzelt platziert (Bühne und Kostüme: Ines Kottmann ). Nachdem die Kandidatin Wohl und Wehe der Konsum- und Ego-Welt beklagt hat („Erfolgswahn, Genusssucht, Vermehrungstrieb!“) gerät Maya ( Tatjana Poloczek ) ins Bild: „Das meiste, was abgeht im Leben, ist so schräg.“ Maya sieht überall den „Fake“-Bazillus herumschwirren: „Voll im Leben ist fake.“ Beider Dasein ist digital optimal, ansonsten miserabel justiert, ihr Resümee bei ähnlich instabiler Motivlage: „Du willst also sterben – ich auch!“.

Das Leben als Zumutung und Suizid als Mutprobe: das hatten sich die Digitaljunkies anders vorgestellt. Dubiose Radikal-Thesen („Vernunft ist krank“) wehen Richtung norwegischer Fjord („Wir gehen weg und sagen nicht wohin“), wo eisige Kälte den Enthusiasmus empfindlich dämpft und beim Anblick steiler Klippen frostige Ahnungen aufsteigen: „Wir sind am Rand des Abgrunds“. Asketische Gewissheiten dringen ans Licht: „Es gibt nichts Besseres als gemeinsam zu schweigen.“

In den nachdenklichen, strahlenden, ent- und begeisterten, zweifelnden wie hoffnungsvollen Mienen von Zikeli und Poloczek blieb die Jugend ein Lebensgefühl, das sich noch im gefahrvollsten Abdriften neu zu erfinden versteht. Das grüne Polarlicht bringt die Wende und beschwört eine Liebesszene von größter Intensität, von Julies „Du bist so süß“ bis Mayas „Ich möchte mit dir schlafen“. Das folgende nur in Worten sich abspielende Liebesspiel katapultiert die Mädchen auf eine metaphorische Südseeinsel vorbehaltlosen Begehrens, und nach (etwas langwierigen) Video-Zeremonien zum Abschied vom Leben zum ernüchterten Aufbruch ins Leben zurück: „Ich will hier weg! – „Ich auch!“. Beiden dämmert: Letzte Momente sind selten tiefsinnig, erste dagegen oft. Viel Beifall für eine tolle Leistung!

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