Alte Philharmonie im Waldorf-Konzertsaal
Leere Quart provoziert Düsternis

Münster -

Die Alte Philharmonie Münster unter Thorsten Schmid-Kapfenburg bot im Konzertsaal der Freien Waldorfschule nun zwei kapitale Prominente des klassischen Repertoires, beide zugleich jeglichen populären Tonfalls unverdächtig.

Montag, 18.03.2019, 18:46 Uhr
Ovationen erhielt die Alte Philharmonie für ihr Konzert im Konzertsaal der Waldorfschule.
Ovationen erhielt die Alte Philharmonie für ihr Konzert im Konzertsaal der Waldorfschule. Foto: Günter Moseler

Als bekennender Traditionalist rückte er mit seiner Musik weiter in die Moderne vor, als er selber hätte wahrhaben wollen: Johannes Brahms beherrschte das kompositorische Handwerk in absoluter Perfektion – und war zugleich experimenteller Skeptiker. Die bitter-süße Klage einer Freundin („Es ist mir . . . als wäre es eine kleine Welt für die Klugen und Wissenden“) trifft die Materialität der brahmschen Werke in der Herzmitte. Die Alte Philharmonie Münster unter Thorsten Schmid-Kapfenburg bot im Konzertsaal der Freien Waldorfschule nun zwei kapitale Prominente des klassischen Repertoires, beide zugleich jeglichen populären Tonfalls unverdächtig.

Die Tragische Ouvertüre op. 81 beginnt mit zwei schmetternden Tutti-Akkorden, leere Quart und Quinte provozieren auch später seltsam hohle Düsternis, die sich später in Streichertriolen fortsetzt und in Unisono-Passagen wie die Szenerie eines abstrakten Dramas wirkt. Das zweite, lyrische Thema, zwischen Streichern und Blech- wie Holzbläsern changierend, gelang transparent, auch wenn das getragene Tempo („Allegro ma non troppo“!) eine Spur zu sehr ins „Tragische“ tendierte und eine schier wollüstige Theatralik um sich griff.

Das Doppelkonzert a-moll op. 102 scheint die Erfindung einer genialen Tüftlernatur zu sein, auch wenn Peter Bogaert (Violine) und Lucie Stepanova (Violoncello) ihre Kadenz zu Beginn des Kopfsatzes eher kulinarisch auslegten. Intuitiv wussten Dirigent und Orchester die geisterhafte Atmosphäre vor der Reprise auszutarieren, während die Solisten den motivischen Verflechtungen in verwinkelten Parallelaktionen, sportiven Hochsprüngen und Klammergriffen nachjagten. Der schlichte Tonfall aller Musiker im langsamen Mittelsatz traf präzise dessen Lied-Charakter ebenso wie er expressive Intimität nicht im Erhabenheitsmodus zelebrierte und so seiner Noblesse standhielt. Rustikal das Finale, stürmisch bei teils akrobatischer Intonation der Solisten, wagemutig das Orchester, halsbrecherisch die Violinfraktion – große Musik ist ohne Risiko nicht zu haben.

Von Antonín Dvoráks Sinfonie Nr. 4 d-moll op.13 – ein öffentlich fast ignoriertes Meisterwerk – wurde das Orchester in einen kompakten Klangkörper verwandelt, der unter der enthusiastischen Führung des Dirigenten der uncodierten Dramatik der Musik überschwänglich folgte. Die schroffe Wucht der Musik wurde mit gradliniger Emphase ausgespielt, das zweite Thema des Kopfsatzes besaß schmerzlich-schöne Akkuratesse, das Scherzo flog wie ein zorniger Zauberspruch vorüber, der hämmernde Drive des Finales besaß rhythmische Elastizität und konzentrierten Gesamtklang. Ovationen.

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