100 Jahre Sinfonieorchester Münster: Schauspieler Gerd Böckmann im Interview
„Eine elektrisierende Klangwolke“

Münster -

Münsters Musikinstitutionen, die Musikschule, die Musikhochschule und das Sinfonieorchester, feiern 2019 ihr 100-jähriges Bestehen. Im Interview blickt der langjährige Burgschauspieler Gerd Böckmann (75) auf seine prägenden Jugendjahre in Münster zurück. Sie führten ihn zunächst zur Musik, dann zur Bühne. Eine einzigartige Schauspielerkarriere über 50 Jahre begann: vom Burgtheater in Wien über prägende Rollen wie in der ARD-Verfilmung der „Buddenbrooks“ 1978 bis zu internationalen Filmen mit Donald Sutherland und Lauren Bacall und gemeinsamen Projekten mit Dirigent Nikolaus Harnoncourt (1929-2016).

Freitag, 22.03.2019, 12:34 Uhr aktualisiert: 22.03.2019, 13:48 Uhr
Der Schauspieler Gerd Böckmann und Dirigent Nikolaus Harnoncourt (1929-2016, r.) während einer humorvollen Aufführung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ mit dem Concertgebouw-Orchester Amsterdam.
Der Schauspieler Gerd Böckmann und Dirigent Nikolaus Harnoncourt (1929-2016, r.) während einer humorvollen Aufführung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ mit dem Concertgebouw-Orchester Amsterdam. Foto: Foto:

Das Sinfonieorchester der Stadt Münster feiert 2019 gemeinsam mit der Westfälischen Schule für Musik und der Musikhochschule in Münster das 100-jährige Bestehen. In einer Reihe mit Interviews erinnern sich Musiker, Dirigenten und Schauspieler an prägende Begegnungen mit der münsterischen Musik- und Theaterwelt. Heute: Gerd Böckmann (75) aus Wien, langjähriger Burgschauspieler mit Wurzeln in und familiären Bindungen an Münster.

Jugend in Münster

Herr Böckmann, erklären Sie uns bitte einmal Ihre besondere Verbindung zu Münster…

Gerd Böckmann: Ich bin 1944 in Chemnitz geboren, wo mein Vater, Werner Böckmann (1920-1994), im Orchester spielte. Als sich dort nach dem Krieg abzeichnete, dass die Kommunisten das Sagen haben würden, waren die Eltern entschlossen, nicht unter einer zweiten Diktatur leben zu wollen. So sind wir über die Grenze nach Wuppertal geflüchtet, wo beide Eltern herstammen. 1954 bekam mein Vater eine Stelle als Klarinettist und Saxophonist in Münster. Er wirkte hier jahrzehntelang im Sinfonieorchester und als Lehrer an der Musikhochschule. Eine weitere Verbindung bestand durch zwei Mitschüler, mit denen ich die ungeliebten Jahre am Schillergymnasium verbracht habe. Mit Ulrich Eickhoff, Kulturredakteur in Berlin und Sohn des Direktors der Germania-Brauerei, war ich bis zu seinem Tod 2016 befreundet. Peter Heisterkamp traf ich zufällig im Herbst 1976 im Flugzeug von New York nach Frankfurt wieder. Erst da erfuhr ich, dass sich hinter dem Pseudonym „Blinky Palermo“ – ich besaß da schon eine Arbeit von ihm – mein Banknachbar Peter verbarg, der inzwischen ein Künstler von Weltruf geworden war.Mit ein paar Whiskeys ließen wir nochmals unsere elenden Pauker Revue passieren. Feuchtfröhlich versprachen wir uns, Kontakt zu halten. Ich habe ihn nie wiedergesehen. Nur wenige Monate nach unserem transatlantischen Treffen ist er im Februar 1977 auf den Malediven gestorben. Sein Grab auf dem hiesigen Zen­tralfriedhof liegt direkt gegenüber dem meines Vaters. Eine sehr lebendige Verbindung aber ist bis zum heutigen Tage meine Mutter, die im Pertheshaus lebt. Am 15. April werde ich ihren 99. Geburtstag mit ihr feiern. Große Vorfreude!

Münster und sein neues Theater

Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Besuche im 1956 neu gebauten Theater in Münster?

Böckmann: Oh ja! Im Sommer 1957 hatte mein Vater eine Wohnung für uns gefunden, Gartenstraße 13, Blick über die Promenade auf Überwasser- und Lambertikirche, meine Mutter und ich konnten ihm endlich nach zweieinhalb Jahren von Wuppertal nach Münster folgen. Zu einem ersten Spaziergang führte er mich auf den Prinzipalmarkt, bog bei der Apostelkirche rechts ab, und nach wenigen Schritten sah ich zum ersten Mal das Theater. Nach dem damals eher hässlichen Wuppertal schien sich mir die große weite Welt zu öffnen. Mein Vater war unglaublich stolz und erklärte mir alles. Die kleine Metallplastik in der Ecke der Eingangsfront interpretierte er als eine Schleife am Frackhemd. Bald konnte ich ihn dann im Frack auf der Bühne in einem Konzert bewundern. Es war „Till Eulenspiegel“, er spielte auf der Es-Klarinette das berühmte, freche, übermütige Thema, das sich gegen Ende in einen verzweifelten Aufschrei verwandelt, wenn der Schalk gehängt wird. Er hatte mir vorher das Stück erklärt und natürlich war er an diesem Abend für mich der Hauptdarsteller. In „Bilder einer Ausstellung“ von Mussorg­sky habe ich ihn kurz darauf an einem anderen Instrument erlebt, dem Zeit seines Lebens seine liebevolle Hingabe galt: In meiner Erinnerung spielte er ungeheuer ausdrucksvoll, mit warmem, singendem Ton das Saxophonsolo. Zu meinen ersten Besuchen zählte dann auch Shakespeares „Romeo und Julia“. Das schlug noch mal wie eine Bombe ein.

„Romeo und Julia“ als Erweckungserlebnis

Was haben diese Besuche in Ihnen ausgelöst?

Böckmann: Durchaus denkbar, dass „Romeo und Julia“ der Auslöser für meinen sehr bald auftauchenden Berufswunsch war. Eine packende Geschichte, eine nie gehörte Sprache, vor Energie platzende junge Darsteller, eine – in meiner Erinnerung – äußerst reizvolle Julia, eine Welt schien sich zu öffnen: Da wollte ich hin! Aber unvergesslich und prägend bis heute bleibt der Eindruck, als ich zum allerersten Mal den Zuschauerraum für besagtes Sinfoniekonzert betrat. Ich bin ein sehr optischer Mensch, aber dieses kakophonische Gewirr von Dutzenden von Instrumenten, die gleichzeitig gestimmt werden! Ein Flötist übt noch einmal eine knifflige Stelle, ein Hornist prüft noch einmal mit immer demselben Ton den Ansatz, ein Cello singt plötzlich das bekannte Thema des langsamen Satzes – diese unverwechselbare Klangwolke hat mich damals elektrisiert, in den Arm genommen und fliegen lassen. Deshalb ist jeder Konzertsaal dieser Welt in solchen Momenten für mich Kindheit und Heimat. Der schwedische Regisseur Ingmar Bergmann hat am Ende seines Lebens auf die Frage, was das Schönste sei, geantwortet: „Die Tür zu einem Konzertsaal öffnet sich, und die Musiker stimmen ihre Instrumente.“ So ist es!

Gerd Böckmann

1944 geboren in Chemnitz, Jugend- und Schulzeit in Münster. Ausbildung zum Schauspieler an der Falckenberg-Schule München. Engagements: Schillertheater Berlin, Thalia Theater, Hamburger Schauspielhaus, Bayerisches Staatsschauspiel München, Schauspielhaus Zürich und bei den Salzburger Festspielen. Von 1977 bis 1986 und von 1999 bis 2009 im Ensemble des Wiener Burgtheaters. 1978 prägende Rolle als „Christian“ in der Buddenbrooks-Verfilmung für die ARD. Rund 100 Rollen für Fernsehen und Kino, unter anderem mit Donald Sutherland in „Der Aufstand“, 2001.

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Erst Klavierunterricht, dann Klarinette

Hat Ihr Vater Sie auch frühzeitig an den Musik- und Instrumentalunterricht herangeführt?

Böckmann: Natürlich! Mit Blockflöte fing es an, da dürfte ich fünf oder sechs gewesen sein. In Münster ging’s dann los mit Klavier, da war ich 13 und schon mitten drin im Schulschlamassel. Trotz meiner Musikalität war es natürlich zu spät für eine professionelle Karriere als Pianist. Meine Klavierlehrerin, Frau Göhre, deren Mann Konzertmeister des Städtischen Orchesters gewesen war, wusste wohl zu gut, dass mit mehr Strenge kein Genie aus mir zu machen war. Vielmehr hatte sie begriffen, dass die Stunden bei ihr für mich eine Insel der Ruhe im Sturm waren. Musik und ihre geduldige, gütige Art machten mich vorübergehend unangreifbar. Ich glaube, sie wollte mein Heranwachsen beschützen. Danke!Obwohl meine Tage neben der Schule mit Nachhilfeunterricht, dem Schreiben von Kritiken und Interviews für unsere Schülerzeitung „Schillerglocke“ und dem Mitmachen in der Laienspielschar zum Bersten gefüllt waren, befand mein Vater, es sei nun Zeit für Klarinettenunterricht. Ich habe die Klarinette geliebt, aber wenn mein Vater nach dem Unterricht nebenan im Wohnzimmer das Mozart-Konzert A-Dur geübt hat, war das für mich kein Ansporn, sondern Frust. Ich hatte ein Heft, in das mein Vater die Übungen schrieb, die ich bis zur nächsten Stunde absolvieren sollte. Irgendwann hatten die Proben in der Laienspielschar für Schillers „Die Räuber“ begonnen. Eines Tages griff ich wieder zur Klarinette, öffnete das Heft und las: „,Die Räuber’ von Schiller. Dein Vater.“ Die Klarinette hatte mich ans Theater verloren. Aber auf sehr sinnliche Weise hat Vater mein Hörvermögen geschult. Er hat immer mit Mundstücken und Blättern herumexperimentiert. Er bat mich, mich mit dem Gesicht zur Wand zu stellen, spielte ein paar Töne, wechselte Mundstück oder/und Blatt, spielte dieselben Töne und fragte dann: „Was war höher, tiefer, was hast du noch gehört? Wärmer, heller?“ Er hatte was davon, ich auch. Ihm verdanke ich mein immer noch feines Öhrchen.

Magie des Theaters

Von der Schule in jungen Jahren auf die Bühne. Wie ging das damals vor sich?

Böckmann: Mit Sturheit und Rebellion. Sehr früh stand für mich fest, dass ich Schauspieler werden wollte. Ein Jahr vor dem Abitur habe ich die Schule geschmissen. Das war ein Befreiungsschlag. Ich habe die Aufnahmeprüfungen an der Folkwang-Schule in Essen und der Falckenberg-Schule in München bestanden und bin dann mit fliegenden Fahnen über den Weißwurstäquator nach München gegangen. Schon nach anderthalb Jahren bekam ich ein Engagement nach Hannover. Ich hatte verbotenerweise viel zu früh an einem Vorsprechen vor Intendanten teilgenommen. Dann ging alles seinen Gang. Ich war immer fleißig und diszipliniert, habe aber auch sehr viel Glück gehabt. Sprechen wir doch lieber über Münster und das Orchester. Der 100. Geburtstag wird ja am 9. Juni auf dem Prinzipalmarkt mit Orffs „Carmina Burana“ begangen. Wenn ich kann, komme ich und singe mit! Eines meiner ersten, zündenden münsterschen Konzerterlebnisse waren eben diese „Carmina Burana“, aber: in Anwesenheit von Carl Orff! Ob er auch dirigiert hat, daran erinnere ich mich nicht mehr, aber ich habe mir an jenem Abend ein Autogramm von ihm geben lassen, das ich sehr sorgsam hüte.

Musiker als Idole der Jugendzeit

Können Sie sich noch an Dirigenten oder Kollegen Ihres Vaters erinnern?

Böckmann: Generalmusikdirektor war zunächst Robert Wagner, ich habe ihn irgendwie distanziert und blutarm in Erinnerung, jedenfalls nicht als den Typ, der einem Jugendlichen Musik nahe bringt. Es gab viel Bruckner, mit dem ich nichts anfangen konnte. Mein Vater auch nicht, er stöhnte über die Länge der Symphonien. Erst als ich Mitte der Siebziger eine Interpretation der Vierten unter Daniel Barenboim erlebte, öffneten sich meine Ohren, Herz und Verstand für ihn. Jahre später erzählte ich Barenboim, dass ich ihm meine Bruckner-Erweckung verdanke. Er meinte: „Wie schön, ein Jude bringt einem Protestanten katholische Musik nahe.“ Auf Wagner folgte Reinhard Peters als GMD. Temperamentvolle Körpersprache, ein quirliger Vermittler. Schon mehr mein Fall. Damals habe ich Operetten sehr geliebt, oftmals geleitet von Helmut Wessel-Therhorn, münsterisches Urgestein, geboren und gestorben ebenda. Sehr präsent sind mir bis heute einige der damaligen Kollegen meines Vaters: Karl Heinz Sonius, Flöte, Kunibert Ebach, Oboe, Hans Mysz­lewitz, Horn, Alfred Bertram, Trompete. Eines Tages tauchte ein neues, junges Gesicht im Orchester auf: ein Fagottist mit einem auffällig schönen, hellen, singenden Ton, einem Saxophon nicht unähnlich, Klaus Thunemann. Unzählige Aufnahmen als Solist bezeugen sein Ausnahmetalent für dieses Instrument. Einige seiner Schüler sitzen heute an den Solopulten herausragender Orchester. Keine Fußballer oder Schlagersänger, sondern diese Musiker waren die Popstars meiner Jugend. Der Flötist Frank Düsterwald und die Geigerin Liligret Middelberg besuchen heute noch regelmäßig meine Mutter. Nicht nur sie freut sich darüber.

Gerd Böckmanns Vater ist der Klarinettist und Saxophonist Werner Böckmann (1920-1994), der als Kammermusiker und Hochschullehrer in Münster wirkte. Auch als Orchestervorstand des Sinfonieorchesters Münster spielte er eine besondere Rolle im musikalischen Leben der Stadt.

Gerd Böckmanns Vater ist der Klarinettist und Saxophonist Werner Böckmann (1920-1994), der als Kammermusiker und Hochschullehrer in Münster wirkte. Auch als Orchestervorstand des Sinfonieorchesters Münster spielte er eine besondere Rolle im musikalischen Leben der Stadt. Foto: privat

Wie haben Sie Ihren Vater als Musiker im Sinfonieorchester der Stadt Münster erlebt? Welche Rolle hat er im kulturellen Leben der Stadt Münster und darüber hinaus gespielt?

Böckmann: Ich denke, dass er innerhalb des Orchesters eine bestimmende Figur war. Wohl wegen seiner konzilianten, höflichen, liebenswürdig ausgleichenden und humorvollen Art war er ja über viele Jahre Orchestervorstand. Für mich war er ein Orchestermusiker, der nicht „Dienst“ geschoben hat, sondern mit Leib und Seele dabei war. Dafür spricht seine Liebe zur Kammermusik, insbesondere die Gründung des „Westdeutschen Saxophonquartetts“. Leider habe ich es nie live gehört, ich kenne aber Aufnahmen. Manchmal höre ich mir eine von ihm arrangierte Fassung des „Air“ von Bach an. Sehr berührend. Für meine Inszenierung von „Crimes of the Heart“ von Beth Henley am Stuttgarter Staatstheater habe ich ihn gebeten, ein Saxophonsolo zu komponieren und einzuspielen. So haben wir zumindest einmal wenigstens aus der Entfernung miteinander gearbeitet. Bis heute bewundere ich ihn für seine Jahrzehnte währende Tätigkeit als Lehrer. Für das Saxophon hat er Lehrpläne erstellt, die noch heute benutzt werden. Ich liebe den Gedanken, dass er in seinen Schülern weiterlebt.

Inspirierende Begegnung mit Nikolaus Harnoncourt

Viele Jahre über die Musik und gemeinsame Projekte verbunden: Gerd Böckmann (l.) und Nikolaus Harnoncourt (1929-2016)

Viele Jahre über die Musik und gemeinsame Projekte verbunden: Gerd Böckmann (l.) und Nikolaus Harnoncourt (1929-2016) Foto: Ronald Knapp

Ein Blick auf Ihre Schauspielkarriere: Auf welche Zeitspannen, Rollen und Begegnungen schauen Sie besonders gerne zurück?

Böckmann: 50 Jahre!? Das sprengt den Rahmen. Aber ohne zu zögern: Die Arbeit mit Nikolaus Harnoncourt war das Schönste, Beglückendste, Inspirierendste und Lehrreichste meiner gesamten Karriere. Ein Dirigent, kein Regisseur oder Schauspieler. Er verkörperte das, was ich mir – besonders von manch „großen“ Regisseuren – gewünscht hätte: Kompetenz und Bescheidenheit, Besessenheit bei respektvollem Umgang, Genialität ohne Allüren. Er pflegte immer zu sagen: „Nennen Sie mich nicht Maestro, in Italien nennt man den Friseur Maestro!“ Für Beethovens Bühnenmusik zu Goethes „Egmont“ hatte er eine Fassung erarbeitet, mir aber die Freiheit gelassen, Änderungen vorzunehmen. Auf einer der letzten Orchesterproben in Amsterdam mit dem Concertgebouw Orkest hatte ich plötzlich die Idee, an einer bestimmten Stelle noch einen Satz zu sprechen. Ich unterbrach und fragte, ob er statt einer Viertelpause eine Fermate dirigieren könnte. Die Mutis dieser Welt hätten mir wohl den Kopf abgerissen. Nach kurzem Zögern: „Probieren wir’s.“ Es funktionierte wunderbar, ohne Unterbrechung dirigierte er weiter, drehte sich zu mir um und flüsterte mit seinen riesigen Augen begeistert: „Dös machma!“ Macht, Eitelkeit, Fremdworte für ihn. Wir haben diese Fassung dann noch einmal mit dem Chamber Orchestra of Europe bei der Styriarte in Graz gemacht. Nach „Thamos“ von Mozart, ebenfalls im Concertgebouw Amsterdam, kam dann dort auch Shakespeares „Sommernachtstraum“ mit der Bühnenmusik von Mendelssohn. Gemeinsam haben wir eine Fassung erarbeitet, in der ich alle Rollen spielen sollte. Bis auf die „Wand“. Er war schnell überredet, in der Szene, in der „Pyramus“ sich mit „Thisbe“ verabredet, auch als Schauspieler mitzumachen. Mit der rechten Hand hielt er einen Ziegelstein auf seinem Kopf, mit der Linken dirigierend spielte er die Szene mit mir und holte sich gekonnt ein paar dicke Lacher ab. Er fehlt. Ich bin dankbar und stolz, dass ich ein paar Jahre zu seiner Künstlerfamilie gehören durfte.

Faszinierenden Pianisten nachgereist

Seit nunmehr über 40 Jahren leben Sie in der Musikstadt Wien. Der Goldene Saal des Musikvereins ist, wie Sie einmal sagten, Ihr „zweites Wohnzimmer“. Wie sieht Ihre Verbindung zur Musik heute aus?

Böckmann: Aufgetreten bin ich dort bisher leider nur einmal. In Honeggers „Jeanne d’Arc“ unter Bertrand de Billy. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte mit jemandem musizieren, aber mein Klavierspiel ist zu mies. Das lass ich lieber. Mir bleibt nur die Sprache. Ich hoffe sehr, dass Ian Bos­tridge mich mal wieder für einen seiner Abende holt. Er macht so schöne Programme, und manchmal darf ich dabei sein. Ein Herzenswunsch ist nach wie vor „Manfred“ von Schumann/Byron. Ein Projekt, das sich mit Harnoncourt nicht mehr verwirklichen ließ. Früher bin ich ja Pianisten, die ich besonders verehrt habe, nachgereist. 1978 habe ich mich vom Burgtheater beurlauben lassen und bin mit Joachim Kaiser nach New York geflogen, um Vladimir Horowitz in der Carnegie Hall zu hören. Ein verrückter „Klavieromane“ bin ich immer noch und neugierig auf alles Neue. Kürzlich habe ich zum ersten Mal Daniil Trifonov live gehört. Martha Argerich meinte über ihn: „So etwas habe ich noch nie gehört.“ Ich auch nicht. Und so geht es immer weiter. Hoffentlich noch lange.

Glückwünsche nach Münster

Was wünschen Sie dem Sinfonieorchester der Stadt Münster, der Musikhochschule und der Musikschule zum 100. Geburtstag?

Böckmann: Dass niemals ein verrückt gewordener Politiker auf die Idee kommt, an diesen Institutionen herumzusparen oder sie gar zu schließen. Im Gegenteil: Jeden Euro locker machen und damit gegen die schreckliche „Verungeistigung“ der Gesellschaft kämpfen! Eine bessere Besoldung hat noch keinen Musiker schlechter spielen lassen. Happy Birthday and many more!

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