„Heute Abend: Lola Blau“ im Kammertheater Bühnenboden
Ansingen gegen die Ohnmacht

Münster -

Was hat Onkel Paul an der tschechischen Grenze verloren? Und warum ist er am Telefon so nervös? „Dabei sollte ich doch nervös sein“, wundert sich Lola Blau amüsiert. Tünde Gajdos mimt im Kammertheater grandios variabel eine immer wieder ohnmächtige und ratlose Frau.

Freitag, 22.03.2019, 17:54 Uhr
Tünde Gajdos spielt im „Kleinen Bühnenboden“ die Lola Blau, die in dunklen und deprimierenden Zeiten einfach nur tanzen und singen will.
Tünde Gajdos spielt im „Kleinen Bühnenboden“ die Lola Blau, die in dunklen und deprimierenden Zeiten einfach nur tanzen und singen will. Foto: Wolfgang A. Müller

Was hat Onkel Paul an der tschechischen Grenze verloren? Und warum ist er am Telefon so nervös? „Dabei sollte ich doch nervös sein“, wundert sich Lola Blau amüsiert. Denn schließlich steht ihr erstes Engagement als Schauspielerin am Landestheater Linz an. „Im Theater ist was los!“, beginnt sie freudig zu singen.

Die Geschehnisse in Wien im März 1938 sind Ausgangspunkt von Georg Kreislers „Heute Abend: Lola Blau“, das der Komponist und Dichter als „Musical für eine Schauspielerin“ konzipierte. Während der „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland erfolgt, träumt die jüdische Schauspielerin Lola Blau noch von einer rauschenden Karriere. „Ich kümmere mich nicht um Politik“, erwidert sie lapidar ihrem Onkel, der sie bei seiner Flucht ins Exil anruft. Doch ihre naive Blauäugigkeit schützt sie nicht, als die Politik sich um sie kümmert. Ihr Bühnenengagement wird abgesagt, sie verliert ihre Wohnung, wird auch in der Schweiz nicht geduldet und reist in die USA.

Tünde Gajdos mimt im Kleinen Bühnenboden grandios variabel eine immer wieder ohnmächtige und ratlose Frau. Sie will doch nur spielen, tanzen, singen und anderen damit Freude bereiten. Aber selbst, als sie in amerikanischen Nachtclubs Erfolge feiern kann, wie Dutzende im Takt schmissiger Jazz-Musik wechselnde Plakateinblendungen verkünden, wird sie zum Opfer – von sexuellen Übergriffen.

Gajdos’ Gesang bewegt sich kunstreich und pointiert in diesem mitreißenden Auf und Ab von heiteren, musikalisch wie textlich irrwitzigen und berührend elegischen Chansons, die Martin Speight am Klavier feinfühlig und alert untermalt. Zwischen stakkatohaftem Galopp durch verschachtelte Reime bei „Ich hab’ a Mädele“, frivolen Revue-Nummern und trauernden Liedern an die ferne Liebe wird immer wieder das parallele Zeitgeschehen eingefädelt. MG-Salven werden mit Musik verschnitten, Bilder von Panzern mit New Yorker Silhouetten. Dabei bewegt sich diese Inszenierung (Regie: Konrad Haller) stetig auf ein gespenstisch aktuelles Finale hin. Denn Kreislers künstlerisch forderndes, wortreiches und -gewaltiges, dabei dramatisch makellos austariertes Konstrukt von 1971 verweist mit dem Schicksal seiner Heldin mühelos auf zeitgenössische Diskurse: Antisemitismus, „MeToo“-Debatte, Emigration und Heimatlosigkeit, die Rolle der Kunst. Stigmatisierungen, die eine desillusionierte Lola Blau schließlich realisiert, pessimistisch, ob ihre spitzzüngige kabarettistische Abrechnung mit „Frau Schmidt“, stellvertretend für all die bigotten Mitläufer und Handlanger der Menschenverachtung, etwas bewirkt: „Im Theater ist nichts los!“

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Nächste Aufführungen am Sonntag (24. März) um 18 Uhr, 11. und 27. April um 20 Uhr, 12. Mai und 2. Juni um 18 Uhr sowie am 7. und 8. Juni um 20 Uhr. Karten online:   | www.derkleine  buehnenboden.de

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