Denkfabrik im Center for Literature
Im dichten Gedankengewölk

Münster/Havixbeck -

Schon vor mehr als 30 Jahren beklagte der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas die „neue Unübersichtlichkeit“. Doch selbst nach dem Ende der Blockbildungen zwischen Ost und West ist diese Welt nicht übersichtlicher geworden – im Gegenteil: Weiterhin prägen in vielen Regionen Not, Tod und Flucht das Bild. Das Center for Literature auf Burg Hülshoff unter seinem Geschäftsführer Dr. Jörg Albrecht versucht mit einer dreitägigen Denkfabrik, Licht in eine Welt voller Grenzen und Mauern zu bringen. Ob die Durchdringung von Literatur und Sprache da substanziell weiterhilft? Die Teilnehmer wirken jung und hoffnungsvoll.

Freitag, 05.04.2019, 17:36 Uhr
Dr. Jörg Albrecht, Thomas Köck und Gerhild Steinbuch (v. l., stehend) bei ihrem „Intro“ zur dreitägigen Denkfabrik.
Dr. Jörg Albrecht, Thomas Köck und Gerhild Steinbuch (v. l., stehend) bei ihrem „Intro“ zur dreitägigen Denkfabrik. Foto: Sabrina Richmann

Am Auftaktabend wurde den rund 30 teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern aus unterschiedlichen Kontexten und mit vielschichtiger Literaturerfahrung sowie weiteren rund 40 Gästen deutlich, dass im münsterländisch-kühlen Nieselregen dicke Bretter zu bohren und Gedankenwolken zu durchdringen sind. Konkret wurde das Thema, ob und wie Menschen ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln – das Leitwort des literarischen Triduums lautet: „To belong or not to belong“ – in einer Auftaktrunde mit Landesdirektor Matthias Löb , der als westfälischer Landesdirektor zugleich für den Westfälischen Heimatbund Sorge trägt. „Wir wollen Heimat aufschließen“, sagte Löb als Antwort auf die flottierenden Fragen von CfL-Mitarbeiterin Sophia Kisfeld. Es gehe eben gerade nicht mehr „um die gute alte Zeit“, sondern darum, „Zukunft zu gestalten“. Heimat, das sei also im Grunde eine „sorgende Gemeinschaft“.

Prof. Dr. Peter Funke vom Vorstand der Droste-Stiftung schlug gar einen Bogen bis in die Antike; denn zu allen Zeiten habe es, so sagte er sinngemäß, Migration und kulturelle Bewegung gegeben. Wobei die Sprache als Abgrenzungs- oder Zugehörigkeitsmerkmal aber „nur ein Momentum“ unter anderen sei. Sprache habe sich über die Jahrhunderte fortwährend durch Wanderung und neue Einflüsse verändert und „durchmischt“.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die junge literarische Gemeinde, die in Teilen einem germanistischen Haupt- oder sogar Oberseminar nicht unähnlich war, schon recht kalte Füße; denn in der Vorburg der Burg Hülshoff gibt es – noch – keine Heizung. Dabei hatten Jörg Albrecht , Thomas Köck und Gerhild Steinbuch bereits zu Beginn eine lebhafte „Action Lecture“ über „To belong or not to belong?“ angestimmt, die, zeichnerisch unterstützt, in ihrem hermetischen Stakkato freilich nur Ansätze des übergreifenden Themas der „Zugehörigkeit“ vermitteln konnte.

Nach einem wärmenden Süpplein im Burgkeller, wahlweise entfaltete auch ein Tässchen Tee belebende Wirkung, kam dann Prof. Dr. Sandra Richter zu Wort. Die Leiterin des renommierten Deutschen Literaturarchivs wählte einen zunächst etwas verstiegen wirkenden, dann aber klarer werdenden Zugang über Mary Shelleys vor 200 Jahren erschienenen Roman „Frankenstein“ zu zen-tralen Goethe-Werken. Denn Shelley lässt ihren Unhold in dem Roman drei Bücher finden. Darunter eben Goethes „Die Leiden des Jungen Werther“. Über diesen Briefroman am Ende des 18. Jahrhunderts und die jahrhundertelange Genese des Faust-Stoffes, dessen sich Goethe annahm, deklinierte Richter die Wirkungsgeschichte von Literatur und ihrer Übersetzung durch.

So wanderten Werther und Faust als literarische Exportschlager nach West und Fernost. Gerade beim Werther stellte sich laut Richter heraus, dass Übersetzer in Frankreich oder England zugleich inhaltliche Veränderungen anbrachten, um strittige Themen wie Liebe jenseits sozialer Standesgrenzen oder Selbstmord auszublenden oder auch hervorzuheben. Sprache veränderte zugleich Inhalte.

Die Denkfabrik will noch bis heute in Workshops und Vorträgen Sprache und Literatur als Hebel zur Überwindung von Grenzen ansetzen.

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