Interview mit Tenor Robert Sellier
Zwischen Wort, Gesang und Tanz

Münster -

„Die Winterreise“, Franz Schuberts bekannter Liederzyklus, schildert in einer Reihe von Rückblicken die ziellose Reise eines von der Liebe enttäuschten Mannes durch eine erstarrte Winterlandschaft. Die vom Komponisten Hans Zender neu orchestrierte zeitgenössische Fassung, die Choreograf Hans Henning Paar zu einem Tanzabend inspiriert hat, stellt einen Sänger in den Mittelpunkt des Tanzensembles. Mit dem Tenor Robert Sellier, der die Gestaltung der Gesangspartie übernommen hat, sprach unser Redaktionsmitglied Gerd Heinrich Kock.

Mittwoch, 10.04.2019, 17:52 Uhr
Tenor Robert Sellier in der „Winterreise“, umgeben von den Tänzern des Tanztheaters.
Tenor Robert Sellier in der „Winterreise“, umgeben von den Tänzern des Tanztheaters. Foto: Oliver Berg

Herr Sellier , beschreiben Sie doch bitte Ihren anrührendsten Moment der „Winterreise“.

Robert Sellier: Der bewegendste Moment für mich an diesem Abend ist tatsächlich der Schluss. Ich habe gerade die letzte Phrase des Leiermanns ausgesungen, es gibt noch einen letzten aufschreienden Bläsereinsatz. Wo Schubert jetzt noch ein letztes Mal die leere Leiermann-Quinte erklingen lässt und danach Stille vorherrscht – diesen Übergang hat Zender sehr viel deutlicher auskomponiert, indem er immer mehr Quinten übereinanderschichtet, angefangen mit einer Unterquinte in der Harfe. Dieser tiefe Harfenton geht mir wirklich durch Mark und Bein! In diesem Moment bemerke ich, dass die Figur mit dem schwarzen Zylinder und der schwarzen Clownsnase, die mir im Laufe des Abends immer wieder erscheint, dass diese Figur, gegeben von der grandiosen Tarah Malaika Pfeiffer, neben mir sitzt und mich ansieht. Und ihr Blick sagt so etwas wie: „Na, hast du mich endlich erkannt? Du hast es geschafft, dein Leiden ist vorbei, du bist erlöst.“ Diesen Moment empfinde ich als Belohnung für fast zwei Stunden harter Arbeit.

Was ist das Besondere an dieser Inszenierung?

Sellier: Die Inszenierung zeigt eine große Bandbreite von teilweise wörtlich genommenen Verkörperungen wie Blatt, Krähe oder Lindenbaum bis hin zu recht abstrakten Bildern. Auch mein Bezug dazu wechselt ständig: Manchmal beschreibe ich die Bilder, die ich sehe, manchmal fantasiere oder träume ich sie, dann sind sie so fremd, dass ich ganz außen vor bleibe. Immer wieder trete ich in Dialog oder gehe in Konfrontation mit meinem Alter Ego Jason Franklin. Überhaupt: Die Aufspaltung der Hauptfigur in Sänger und Tänzer ermöglicht uns ein vielschichtiges Erzählen, auch auf verschiedenen Zeitebenen. Naheliegend ist der Sänger eher der Erzählende, der Tänzer mehr der Erlebende, aber auch diese Rollenverteilung ist nicht starr durchgehalten – manchmal ist es genau andersrum.

Wie ist das für Sie als Sänger, sich mitten unter den Tänzern zu bewegen?

Sellier: Im direkten Vergleich fühlte ich mich zunächst unförmig und unbeweglich. Was die Kondition angeht: Ich habe während der Proben eine Weile gebraucht, für mich das rechte Maß an körperlicher Aufgebrachtheit zu finden. Und das ist von Lied zu Lied verschieden. Dann gibt es aber auch Stücke, wo der Atem ruhig fließen muss, und interessanterweise hilft es da, wenn der Körper vorher in Bewegung gewesen ist. Künstlerisch bin ich überzeugt, dass es für die Tänzer eine Bereicherung ist, Gesang und Worte direkt mit auf der Bühne zu haben, und genauso toll ist es für mich, die geballte Anmut eines Tanzensembles hautnah miterleben zu dürfen.

Welche Empfindungen, welche Erkenntnis kann ein Zuschauer aus dem Abend mitnehmen?

Sellier: Neben dem Applaus bekommen wir in den Publikumsgesprächen direktes Feedback. Viele Zuschauer kennen den Liederzyklus in Schuberts Klavierfassung und sind sehr berührt von unserer Inszenierung. Hans Zenders komponierte Interpretation für kleines Orchester ist für sie eine wunderbare Neuentdeckung, da durch die Instrumentierung nochmals andere Bilder entstehen und im Zusammenspiel mit der Choreografie die Emotionalität der Lieder anders begreifbar wird.

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„Eine Winterreise“ ist das nächste Mal am Samstag (13. April) um 19.30 Uhr im Großen Haus zu sehen. Karten an der Theaterkasse, '  59 09 100.

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