„Fiege_mletzko“ zeigt im Pumpenhaus „Keuschheit und Vernunft“
Schöpfung als grausames Spiel

Münster -

„Stell dir vor, es war Krieg, und keiner ist mehr da.“ Mit diesem Satz machen sich der Waffenschmied Heinrich und die Nonne Franziska auf den Weg ins Exil. Was sie hinter sich lassen, ist die Täuferherrschaft in Münster. Die Protagonisten des Neuen Jerusalem vermodern in ihren Käfigen auf dem Lamberti-Turm, die Stadt ist wieder in der Hand des Bischofs. Die Flucht der beiden führt sie durch die Weltgeschichte bis hinein in unsere Gegenwart. Folter, Krieg und Gewalt begleiten sie auf ihrem Weg.

Sonntag, 28.04.2019, 16:31 Uhr aktualisiert: 30.04.2019, 18:22 Uhr

Mit „Keuschheit und Vernunft“ hat Dirk Spelsberg 1989 eine Fortsetzung seines Wiedertäuferstücks „Herz der Freiheit“ geschrieben, mit dem das Theater im Pumpenhaus 1985 eröffnet wurde. Es ist ein pessimistisches Werk, durch das sich das Problem der Theodizee wie ein roter Faden zieht: Warum gibt es so viel Böses auf der Welt, wenn Gott doch gut und allmächtig ist? Das Stück gibt keine Antwort auf diese Frage. Eher kann man es als Bestandsaufnahme verstehen. Und als solche bringen es die Regisseurinnen Mareike Fiege und Viktoria Mletzko auch auf die Bühne.

Shaun Fitzpatrick als Heinrich und Eva-Lina Wenners als Franziska sind ein Paar ohne Hoffnung und damit von Maria und Joseph so weit entfernt, wie es nur geht. Auch Franziska ist schwanger, aber hier war kein Heiliger Geist im Spiel, sondern marodierende Soldaten. Ein Abtreibungsversuch in der Badewanne wirkt wie eine Teufelsaustreibung – vorgenommen von Heinrich, der dabei die Gräuel der kommenden Zeit beschwört.

Später tritt dann Gott selbst auf. Jost op den Winkel gibt ihm die Aura eines Youtube-Stars, wenn er reimend über die Bühne tänzelt. Als Schiffbrüchiger bezeichnet er sich selbst, als Zyniker sehen ihn Franziska und Heinrich, weil er die Menschheit überleben hat lassen. Die Schöpfung wird hier zu einem grausamen Spiel, zur Inszenierung eines sadistischen Regisseurs. Damit geht das Stück über die Bestandsaufnahme hinaus, hin zur Anklage.

Dem jungen Theaterlabel fiege_mletzko ist damit eine stringente und packend gespielte Aufführung gelungen. Die Schauspieler agieren so, dass für Illusion kein Platz bleibt. Hart und direkt ist ihre Körpersprache, ohne Rücksicht auf Verluste schleudern sie dem Publikum ihre Anklage entgegen – in der Hoffnung, dass wenigstens das hilft.

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