Mozarts „Entführung aus dem Serail“ rückt in Münster Richtung Soap-Opera
Sushi für den Bassa Selim

Münster -

Regisseur Philipp Kochheim inszenierte Mozarts „Entführung aus dem Serail“ in Münster ohne Orient-Hintergrund.

Sonntag, 19.05.2019, 17:20 Uhr
Der bewaffnete Aufpasser Osmin (Christoph Stegemann) hat sowohl Blonde (Martha Eason, l.) als auch Konstanze und Belmonte (Marielle Murphy und Youn-Seong Shim) in seiner Gewalt.
Der bewaffnete Aufpasser Osmin (Christoph Stegemann) hat sowohl Blonde (Martha Eason, l.) als auch Konstanze und Belmonte (Marielle Murphy und Youn-Seong Shim) in seiner Gewalt. Foto: Oliver Berg

Sie wohnt in einem schicken Loft, kann sich teure Klamotten kaufen, und der reiche Lover, der ihr das ermöglicht, macht durchaus was her. Dennoch ist sie unzufrieden und beklagt sich, so dass ihr der genervte Gefährte die Garderobe vor die Füße wirft: Sieht wie ein veritabler Rausschmiss aus.

Erste Überraschung: Es geht hier nicht um eine Szene aus einer Soap-Opera, sondern um eine der zentralen Stellen aus Mozarts „Entführung aus dem Serail“, Konstanzes Arie „Martern aller Arten“. Aber in Münsters Großem Haus ist Konstanze eben nicht die Gefangene, sondern die Geliebte des Bassa Selim , und der ist auch kein türkischer Herrscher, sondern ein Krösus mit moderner Kunst im Haus (Bühne: Emily Bates) und Vorliebe für Sushi. Regisseur Philipp Kochheim wollte die alten Orient-Okzident-Klischees des Stücks vermeiden und sie auch nicht aktualisieren, sondern Menschen in emotionalen Extremsituationen zeigen. So weit, so gut.

Zweite Überraschung: Nach dem Rausschmiss folgt die Pause, und dann geht die Handlung weiter. Man erinnert sich, dass Konstanze in Mozarts Oper eigentlich vom angereisten Bräutigam Belmonte aus der Hand Bassa Selims entführt werden soll – und mit ihr das niedere Paar Blonde und Pedrillo. Hier aber ist die titelgebende Entführung überflüssig geworden; selbst Pedrillos Plan, das Geld aus Bassas Tresor zu entführen, kann nicht funktionieren. Die schöne neue Handlung passt nicht recht zum alten Stück.

Schlimmer ist, dass Kochheim zwar im Programmheft treffend von Mozarts Hauptthema der „Schule der Liebenden“ spricht – aber auf der Bühne Klischeefiguren wie den sich herumlümmelnden Studenten und den waffenschwenkenden Aufpasser versammelt, die man eher im Fernseh-Vorabendprogramm vermutet. Gags reihen sich aneinander, die vom Wesentlichen ablenken, den emotionalen Tiefen in Mozarts Musik. Bei Kon­stanzes „Traurigkeit“-Arie, wenn die Figur ganz bei sich ist, scheint sich kurz eine Wende anzudeuten. Aber dann folgt der Aktionismus zur „Martern“-Arie, zu dem es am Schluss der Oper noch eine Steigerung gibt, wenn Bassa-Darsteller Dirk Schäfer aus der ganzen Edel-Einrichtung einen Scheiterhaufen schichtet. Und die Wirkung des nach der Pause platzierten Quartetts wird durch einen Regie-Gag zerstört.

Dirigent Stefan Veselka hat die nicht ganz einfache Aufgabe, der Musik in dieser Produktion zu ihrem Recht zu verhelfen. Er findet mit dem Sinfonieorchester Münster einen stimmigen Mittelweg zwischen dem feinen Silberglanz früherer Mozart-Ideale und zupackender Dramatik, etwa in Pedrillos „Frisch zum Kampfe“. Hier ist auch Tenor Pascal Herington in seinem Element, der sich in der Stimme zwar deutlich vom lyrischen Glanz des Belmonte-Interpreten Youn-Seong Shim unterscheidet, aber genügend Kern im Klang aufbietet, um der Figur sängerisch Profil zu geben. Auch im Verhältnis der beiden Sopranstimmen zueinander erstaunt das Gewicht der „leichteren“ Partie: Martha Eason ist eine „Blonde“ mit strahlender Höhe auf direktem Weg zur Konstanze; deren Interpretin Marielle Murphy ließ in der Premiere – nach kurzer Schwäche in der ersten Arie – die Koloraturen leuchten und die Emphase der Figur spüren. Abgerundet wird das chorlose Ensemble vom Bassisten Christoph Stegemann, der den weiten Tonumfang der Osmin-Partie souverän bewältigt und als markanter Typ eigentlich zu schade für die Scherze ist, die auf Kosten dieser Figur gemacht werden; seine Brutalität am Schluss nimmt man ihm kaum mehr ab.

Dem großen Applaus für die musikalische Seite der Premiere folgten einige Buhs für das Regieteam. Den Zuschauern war vermutlich zu viel Soap in der Opera.

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Die nächsten Vorstellungen am 23. und 31. Mai und am 12. Juni

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