Theater Münster spielt „Judas“ in der Jugendkirche „effata!“
Das Monstrum wird Mensch

Münster -

Ein Name wie ein Todesurteil: Judas! Seit zweitausend Jahren das Synonym für ungeheuerlichsten Verrat. Der „Judas“-Monolog der niederländischen Dramatikerin Lot Vekemans verleiht dieser ins Monströse exilierten Figur menschliches Format,

Freitag, 24.05.2019, 09:34 Uhr aktualisiert: 24.05.2019, 09:50 Uhr
Christoph Rinke ringt als Judas um Selbstbehauptung, ein „Häufchen Elend“, das Heil ersehnt und an Veränderung glaubt.
Christoph Rinke ringt als Judas um Selbstbehauptung, ein „Häufchen Elend“, das Heil ersehnt und an Veränderung glaubt. Foto: Oliver Berg

Ein Name wie ein Todesurteil: Judas ! Seit zweitausend Jahren das Synonym für ungeheuerlichsten Verrat: Der Jünger Judas Iskariot, der Jesus mit einem Kuss an seine Häscher ausliefert. Im Matthäus-Evangelium bereut Judas seinen Verrat fast unmittelbar nach dem Erhalt des „Blutgelds“ von dreißig Silberlingen, außer sich und voller Scham begeht er Selbstmord. Der „Judas“-Monolog der niederländischen Dramatikerin Lot Vekemans verleiht dieser ins Monströse exilierten Figur menschliches Format, denn Judas ist ein Monster der (Religions-)Geschichte, ihr „Sündenbock“-Mythos. Dieser Perspektive stellt Vekemans Judas’ Verteidigung entgegen, die selbstreflexiv dem Dasein Eigensinn und Wert jenseits maximaler Verfehlung abgewinnt.

Im Vorderschiff der Jugendkirche „effata!“ stand Christoph Rinke als Judas in einem schmalen Käfig, fast lässig ans Gitter gelehnt: „Ist hier jemand, der mich nicht kennt?“ Die Stimme hallte, als gehörte sie einem Priester: „Die Menschheit hat es seit 2000 Jahren nicht geschafft, mich zu begreifen“, und ringt um Selbstbehauptung: „Ich habe begriffen, dass man nur weniges über mein Leben mit ihm (Jesus) weiß.“ Und später: „Ich erwartete viel von ihm, als (…) Führer“. Rinke spielte die Exposition als lässiger Moderator, der seiner historischen Bedeutung gewiss ist: Jedes Wort wohlgesetzt, jede Geste, jeder Blick kontrolliert – ein Souverän seines Schicksals. Elternhaus, Kindheit und Jugend werden kursorisch abgehandelt, erst die Berufung in den Kreis der Jünger Jesu gibt auch eine beinahe obsessive Heilssehnsucht zu erkennen, die sich politisch am Widerstand gegen die römischen Besatzer orientiert: „Er glaubte an Veränderung“, resümiert Judas die gesellschaftliche Relevanz der christlichen Botschaft seines „Meisters“, den er für einen „Menschen aus Fleisch und Blut“ hält, dessen Todesahnungen jedoch für messianische Stilisierung.

Sobald sich Rinke konkret an das Publikum wandte, stand die Authentizität des Religiösen zur Disposition: „Erzählt mir nicht, dass er sterben musste – für euch?“ Rinkes Judas ist ein drahtiger Typ, dessen „Ich“ über einem Abgrund schwebt, einmal hockte er im Käfig wie das sprichwörtliche „Häufchen Elend“: „Ich habe zugelassen, dass ich schwärzer wurde als schwarz.“ „Ich hätte so gern wieder einen Namen“, bekennt Vekemans Judas, und Rinke trat aus dem Käfig, als habe ihn sein Monolog vom Fluch des ewig Schuldigen befreit. Dem neben ihm gekreuzigten Verbrecher verspricht Jesus das Himmelreich: Auch Judas muss man sich hier als Erlösten vorstellen (Inszenierung: Jan Holtappels).

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Nächste Vorstellungen: 12., 14., 19., und 26. Juni um 20.30 Uhr. Karten: ' 5 90 91 00.

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