Herta Müller, Carolin Callies und Eugene Ostashevsky lasen
Auf der Haut, unter der Schere

Münster -

„Lyrik“, sagt man gerne, „ist das Ballett der Sprache.“ Doch hier wie dort gibt’s nicht nur Pas de Deux und Arabesken, sondern auch mal Pirouetten, die sich nur um sich selber drehen. Drei ganz verschiedene Tanzfiguren (nur, um im Bild zu bleiben) bot der Samstag im 40. Jahr des Lyrikertreffens den Zuhörern im voll besetzten Kleinen Haus.

Sonntag, 26.05.2019, 16:38 Uhr aktualisiert: 27.05.2019, 18:04 Uhr
Herta Müller bei ihrer Lesung in Münster
Herta Müller bei ihrer Lesung in Münster Foto: Lüttmann

Shooting Star Carolin Callies eröffnete den Reigen mit Gedichten neben, über und gegen den Kanon vermeintlich fest gefügter Poesie-Sujets. Sie komponiert, verwortet und verdichtet – wie ungeheuerlich! – den Körper und die Vergänglichkeit des Fleisches. Mitunter bedient sie sich dabei aus dem Off zugespielter Hip-Hop-Beats oder lässt das Publikum Re-frain-Wörter rufen, aber auch und gerade dadurch öffnet sie mit textilen Finessen jene Türen, hinter denen man die Haut als dünne Membran erkennt; hier können auch Wörter wund werden.

Noch Fragen zu Eugene Ostashevsky, zu seinen wunderbaren Übersetzerinnen Monika Rinck und Uljana Wolf (alle drei Preisträger des Poesie-Preises der Stadt Münster)? Na dann – wo gibt es sowas denn? Szenenapplaus für schrägste Textpassagen oder wunderschön verunglückte Wortverdreher! Die drei sprachen, spielten, feierten Ostashevskys romanhaftes Gedicht „Der Pirat, der von Pi den Wert nicht kennt“ über Verständigungsschwierigkeiten zwischen einem Piraten und einem Papagei. Das mitunter an Monty-Python-Sketche erinnernde Wortgeplänkel (auf Deutsch und Englisch) ist ein saukomisches Gespräch über Urheberrecht und Kapitalismus, die Intelligenz von Tieren, cartesische Philosophie, ethnografische Befindlichkeiten und vor allem die Frage, wie es ist, mit jemandem zu reden und ob dieser jemand überhaupt jemand ist. Cool (sorry, aber gibt es ein besseres Wort?), Eugene Ostashevskys verstellte Stimme klang dabei wie ein überdrehter Bruce Willis, der gerade wieder mal herrlich besoffen die Welt rettet.

Und dann, ja, dann der Star des Abends, Herta Müller . Die Nobelpreisträgerin von 2009 dichtet mit Schere und Klebstoff. Sie sammelt Wörter in Zeitungen und Magazinen, Boulevardblättern und Prospekten, spießt sie auf wie tote Käfer. Herta Müller klebt sie dann, garniert mit kleinen Bildern, auf postkartengroße Kartons und komponiert daraus Wörtercollagen.

In einem langen, erhellenden Zwiegespräch mit dem künstlerischen Leiter des Lyrikertreffens, Hermann Wallmann, erzählte sie von ihrem neuen Buch „Im Heimweh ist ein blauer Saal“, vom Arbeiten in ihrer Poesiewerkstatt, vom Zwang, immer und überall Wörter zu sammeln, aus denen sie Kleinstlyrik, Miniaturdramen, klingende Mikrokosmen zusammenklebt.

Müller bilanzierte am Ende lakonisch: „Die Wörter machen doch mit uns, was sie wollen.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6641004?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F646285%2F
In diesem Jahr tut sich nichts mehr
Komplett verwaist ist die Baustelle des Hafencenters. Daran wird sich vorerst auch nichts ändern, da die Aufstellung eines neuen Bebauungsplanes nur schleppend vorankommt. Den bisherigen Bebauungsplan hat das Oberverwaltungsgericht für nichtig erklärt.
Nachrichten-Ticker