Robert Nippoldt und das Trio Größenwahn: „Ein rätselhafter Schimmer“
Vom Bühnenboden ins Große Haus

Münster -

„Willkommen! And bienvenue! Welcome!“: Sängerin Lotta Stein entführt geschmeidig in die Zwanziger Jahre. Das passende Szenario entwirft Robert Nippoldt von seinem kleinen Bürotisch aus.

Freitag, 31.05.2019, 23:35 Uhr aktualisiert: 03.06.2019, 11:55 Uhr
„Ein rätselhafter Schimmer“ im Großen Haus: Robert Nippoldt bringt von seinem Bürotisch (r.) aus Brechts Seerräuberjenny auf die Leinwand. während Sängerin Lotta Stein mit Pianist Christian Manchen und Kontrabassist Christoph Kopp ihre Geschichte erzählt.
„Ein rätselhafter Schimmer“ im Großen Haus: Robert Nippoldt bringt von seinem Bürotisch (r.) aus Brechts Seerräuberjenny auf die Leinwand. während Sängerin Lotta Stein mit Pianist Christian Manchen und Kontrabassist Christoph Kopp ihre Geschichte erzählt. Foto: Karsten Ziegengeist

„Willkommen! And bienvenue! Welcome!“: Sängerin Lotta Stein entführt geschmeidig in die Zwanziger Jahre. Das passende Szenario entwirft Robert Nippoldt von seinem kleinen Bürotisch aus. Mit Kreide, Bleistift und Tusche zeichnet er wieselflink, facettenreich und tiefgründig Menschen, Moden und Gebäude im Kaleidoskop zwischen den beiden Weltkriegen. Hintergrundbilder fügt er per Siebdruckfolie hinzu, projiziert alles per Kamera auf die Leinwand.

Die ist bei der „Ein rätselhafter Schimmer“-Aufführung im ausverkauften Großen Haus, die größte, die der Diplomdesigner bislang bespielt hat. Und der große Wurf gelingt genauso gut wie im Kammertheater Kleiner Bühnenboden, wo die Show 2015 laufen lernte. Auch weil Nippoldt sein Programm erweitert und perfektioniert hat. Seine Pinsel und Stifte tanzen nicht nur die Weimarer Regierungschefs und die Brechtsche Seeräuber-Jenny, sondern auch liebeshungrige Männer und kleptomanische Damen. Auf seinen Fingerspitzen kleben gezeichnete Porträts der Comedian Harmonists, die wie Scherenschnitte vorbeihuschen, bis ihr Gesang ein Klavier zerlegt.

Den Ägypten-Boom jener Zeit würdigt Nippoldt mit Sand-Malereien. Der gut groovende Kontrabassist Christoph Kopp wird zur wild tanzenden Sphinx, deren Bekleidung fast nur aus Zeichnungen besteht. Nippoldt dreht gezeichnete Schellack-Platten geschickt mit seinen Fingern über das gezeichnete Grammophon, während ein Bühnenarbeiter (Tobias Karsten) lässig mit Sängerin Lotta Stein Charleston oder Shimmy tanzt. Gastmusiker Markus Münsterteicher zeigt, wie cool das Achtziger-Jahre-Saxofon-Solo von „Careless Whisper“ in die Zwanziger passt. Der virtuos-swingende Pianospieler Christian Manchen singt frivol das Chanson von der „Hose am Kronleuchter“. Auf seinen die Lachmuskeln strapazierenden Dadaismus-Text garniert Nippoldt ein Meer aus Schrauben, auf dem er ein rohes Ei zerschlägt. Sängerin Lotta Stein bearbeitet eine Schreibmaschine mit solch rhythmischer Raffinesse, das – potz Blitz – ein Marlene-Dietrich-Konterfei aus Buchstaben entsteht.

Besonders stark: Einfühlsam deutet Nippoldt das unterschwellige Herannahen von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg in scheinbar friedlichen Alltagsbildern an. Mit einer Lupe blickt er hinter die Fassaden seiner Zeichnungen eines turtelnden Liebespaares (SS-Mann und Jüdin) oder friedlich spielender Kinder (deren Soldatengräber sich im Garten andeuten).

Über zwei Stunden begeistert die Show „Ein rätselhafter Schimmer“von Nippoldt und dem Trio Größenwahn mit einem furiosen Tanz auf dem Vulkan eines Jahrzehnts voller Gegensätze, fein-arrangierten Evergreens wie Richard Heymanns „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines Stückchen Glück“ und nicht zuletzt mit Zeichnungen, die präsenter und stilechter erscheinen als jede Kulisse. Es gab minutenlange Standing Ovations für dieses famose „Babylon Münster“.

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