NRW-Theatertreffen: „Schuld und Sühne“
Ein Mörder unter Druck

Münster -

Beim NRW-Theatertreffen bot der fünfte Wettbewerbsbeitrag die besondere Form einer „theatralen Filminstallation“: „Schuld und Sühne“ nach dem Roman von Fjodor Dostojewski.

Dienstag, 04.06.2019, 15:40 Uhr
Raskolnikow (Christian Bayer) ist hier gerade von Menschen auf Leinwänden umgeben.
Raskolnikow (Christian Bayer) ist hier gerade von Menschen auf Leinwänden umgeben. Foto: Isabel Machado Rios

Großes Haus, Kleines Haus, Pumpenhaus: das sind eigentlich die Spielstätten für den Wettbewerb des diesjährigen NRW-Theatertreffens. Bisweilen jedoch kommt es anders, als man glaubt, verbirgt sich im vertrauten Theater noch ein anderer Raum. So wurden die Zuschauer am Montag im Kleinen Haus gebeten, ihre Schuhe auszuziehen, um dann in einen Kubus zu gelangen und dort vorwiegend auf Teppichböden und Sitzkissen Platz zu nehmen.

Als „theatrale Filminstallation“ bezeichnet Regisseur Bert Zander seine Version des Dostojewski-Romans „Schuld und Sühne“. Denn ein großer Teil der Handlung erscheint als Film auf die Innenseiten des Kubus projiziert, als einziger Schauspieler agiert Christian Bayer auf den kreuzförmigen Gängen des Innenraums. Er ist Raskolnikow, der Student, der eine alte Pfandleiherin und ihre Schwester ermordet, weil er herausragenden Menschen die Berechtigung zu solche einer Tat zuschreibt – bis ihn am Ende weniger der Druck der Ermittler als die moralische Kraft der jungen, sich für die Familie prostituierenden Sonja zum Geständnis führt.

Die zweimal 90 Minuten dauernde Inszenierung des Theaters Oberhausen führe in Raskolnikows Kopf, verspricht das Programmheft – was man nicht ganz wörtlich nehmen musste, um ihrer Faszination zu erliegen. Die speist sich nämlich gerade im ersten Teil stark aus der Überzeugungskraft der Erzähler auf den vier Leinwänden. Es sind Menschen aus dem Ruhrgebiet, die Dostojewskis Prosa nachsprechen und mit ihrer ungekünstelten Art die Roman-Ereignisse vergegenwärtigen. Ihnen stehen auf der Handlungsebene die von historisch gewandeten Schauspielern verkörperten Nebenfiguren gegenüber, die aus den Roman-Dialogen ein Filmdrama machen – bis hin zu wunderbaren Karikaturen wie dem von Clemens Dönicke gespielten Untersuchungsrichter, dessen Columbo-Kumpanei mit dem Mörder Raskolnikow zwar durchschaubar, aber doch wirkungsvoll ist. Und im Zentrum des Raumes ist nach den Eingangsszenen der Held dauerhaft präsent; Christian Bayer bewältigt die heikle Aufgabe, mit seinen Filmpartnern zu sprechen oder ihrem Treiben gespannt beizuwohnen. In solchen Situationen erlebt das Publikum die Vorgänge tatsächlich durch seinen Kopf.

Das Umsetzen der Inszenierung, die ursprünglich in einem alten Kaufhof-Gebäude in Oberhausen gespielt wurde, hatte zwar Tücken vor allem durch die zeitweilige Blend-Wirkung der Projektionen. Dennoch ein faszinierender Abend.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6666005?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F646285%2F
Baby kam im Rettungswagen vor Feuerwehrwache zur Welt
Vorzeitige Geburt: Baby kam im Rettungswagen vor Feuerwehrwache zur Welt
Nachrichten-Ticker