Ministerium für Mitgefühl gastiert in der Rüstkammer
Empathie-Sprechstunde im Rathaus

Münster -

Empathie gilt als die Schlüsseleigenschaft, die dem Tier Mensch den durchschlagenden evolutionären Vorteil brachte. Erstaunlich, dass diese Fähigkeit offensichtlich so selten sichtbar wird, so wenig über sie bekannt ist.

Dienstag, 04.06.2019, 18:58 Uhr
In der Rüstkammer hat das Ministerium für Mitgefühl seine Arbeitsplätze aufgebaut und hält Sprechstunden ab, die jeweils eine halbe Stunde dauern.
In der Rüstkammer hat das Ministerium für Mitgefühl seine Arbeitsplätze aufgebaut und hält Sprechstunden ab, die jeweils eine halbe Stunde dauern. Foto: Gerhard H. Kock

Empathie gilt als die Schlüsseleigenschaft, die dem Tier Mensch den durchschlagenden evolutionären Vorteil brachte. Erstaunlich, dass diese Fähigkeit offensichtlich so selten sichtbar wird, so wenig über sie bekannt ist. Mit Tania Singer gibt es in Deutschland immerhin eine der führenden Neurowissenschaftlerinnen zu diesem Thema. Und das Ministerium für Mitgefühl. Das Kollektiv (Autorinnen, Autoren, Übersetzer und Künstler) leistet „emphatischen Widerstand gegen die Verrohung der Sprache sowie soziale Kälte“ und gastiert beim NRW-Theatertreffen in der Rüstkammer.

An der Wand hängen die historischen Gemälde in Erinnerung an den Westfälischen Frieden. So wird unmittelbar deutlich, dass äußerer Frieden mit innerem Frieden anfängt. Die Ministerinnen für Mitgefühl erwarten die Gäste an Einzeltischen. Es gibt eine kurze Einführung: Ein Dutzend Fragen gilt es zu lesen. Das Besprechungspaar einigt sich auf eine. Dann denken die Ministerin und der Gast fünf Minuten über diese Frage nach, machen sich Stichpunkte, und dann darf die eine und der andere jeweils fünf Minuten seine Gedanken mitteilen. Der jeweils andere hört kommentarlos zu. Dieses Zuhören ist eine besondere Qualität, soll doch die Eitelkeit der Meinung, des Ratschlags, der Korrektur ausgeschlossen werden und sich so ein Austausch ereignen, der Mitgefühl Raum gibt: Augenhöhe, Gegenseitigkeit, Respekt – kurz: Zuhören als Empathie-Kultur.

Die Fragen verknüpfen historische und soziale Themen mit persönlichen Situationen und Lebensverläufen: Erste Erfahrungen mit Gewalt oder Außenseitertum, Unterschied von Empathie und Projektion oder Empathie und Solidarität, Schwarze Pädagogik oder: „Inwiefern hat der Nationalsozialismus Einfluss auf dein Leben, deine Erziehung, deine Biografie gehabt?“ Und plötzlich könnte einem Ministeriumsbesucher klar werden, dass Mitgefühl kein Zufall ist und auch kein Schicksal. Die Gespräche finden in absoluter Vertraulichkeit statt. Schließlich können selbst fünf Minuten zu tiefem Mitleiden und Mitfreuden eines mitfühlenden Wesen führen – auf beiden Seiten des Schreibtisches, was sehr selten sein dürfte und kostbar.

Nach den 30 Minuten stellt sich die Frage: Wo ist in unserer Gesellschaft eigentlich Raum für das Bedürfnis von Empathie? Ein Raum des Vertrauens, der Offenheit, des Respekts – auf Gegenseitigkeit. Ein Beichtgespräch ist hierarchisch. Empathie ist auch nicht immer gleich ein Fall für den Therapeuten. Wer Glück hat, erlebt gefühlskundige Familie und Freunde. Denn das ministerielle Mitfühlen scheitert in einem Punkt. Zu einer Kultur des Mitgefühls gehört Zeit. Viel Zeit. Aber immerhin fokussierte Präsenz und vorurteilsfreie Aufmerksamkeit ist auch hier sicher.

Zum Thema

Das Ministerium für Mitgefühl bietet am Mittwoch (5. Juni) von 11 bis 13 Uhr und 15 bis 17 Uhr kostenlose Sprechstunden im Stadtweinhaus an.   | ministerium-fuer-  mitgefuehl.net

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