NRW-Theatertreffen Begleitprogramm: „1984“
Big Data wird die Wohlfühl-Diktatur

Münster -

„Work hard, have fun, make history“, steht als Graffiti an der Bühnenwand im U2. Es ist der Slogan, den sich der Internet-Händler Amazon auf die Fahnen geschrieben hat. Das Zitat macht von Anfang an deutlich, wohin beim Bochumer „Rottstr 5 Theater“ die Reise geht.

Dienstag, 04.06.2019, 18:58 Uhr
Das Bochumer „Rottstr 5 Theater“ spielte eine aktuelle Version von Orwells „1984“ mit Kristina Peters (Julia) und Matthias Zera (Winston).
Das Bochumer „Rottstr 5 Theater“ spielte eine aktuelle Version von Orwells „1984“ mit Kristina Peters (Julia) und Matthias Zera (Winston). Foto: Rabia Çaliskan

„Work hard, have fun, make history“, steht als Graffiti an der Bühnenwand im U2. Es ist der Slogan, den sich der Internet-Händler Amazon auf die Fahnen geschrieben hat. Das Zitat macht von Anfang an deutlich, wohin beim Bochumer „Rottstr 5 Theater“ die Reise geht. In der von Oliver Paolo Thomas erarbeitete Version von Georg Orwells „1984“ ist es nicht der Staat, der seine Bürger überwacht und auf Linie bringt, sondern ein Technologie-Konzern namens Victory. Big Data statt Big Brother – ein Ansatz, der nahe liegt und, wie die Inszenierung zeigt, auch hervorragend funktioniert.

Ziel der Victory Corporation ist eine globale Community, an der jeder teilnehmen kann und in der sich jeder wohlfühlt. Um dies zu gewährleisten, muss die Firma ihre Kunden kennen. Um sie zu kennen, muss sie sie überwachen. So einfach ist das. Und die Überwachung hebt auch noch die Moral. „Würden Sie ein Unrecht begehen, wenn sie wüssten, dass Sie überwacht werden?“, wird Winston gefragt. Nein, würde er nicht. Und wenn schlecht sein keine Option mehr ist, sind alle gezwungen, gut zu sein. Klingt logisch.

Trotzdem ist Winston nicht überzeugt und beginnt sich abzusondern, indem er Bücher liest und privat Tagebuch führt. In einer Welt totaler Kommunikation macht er sich damit verdächtig. Und mit ihm Julia, mit der er ein Liebesverhältnis hat – auch so etwas Individualistisches, das dem Gedanken der Community zuwiderläuft. Als er sich einer Untergrundorganisation anschließt, von der keiner weiß, ob es sie wirklich gibt, läuft die Handlung wieder in Orwellschen Bahnen. O’Brien, den er für einen Freund gehalten hatte, entpuppt sich als ärgster Feind. Am Ende wird er durch Gehirnwäsche wieder auf Kurs gebracht.

Was die Inszenierung so bezwingend macht, ist die Stringenz, mit der sie Orwells vor 70 Jahren erschienen Roman weiterdenkt und mit der heutigen Situation abgleicht. Durch das Sammeln von Daten wird eine Wohlfühl-Diktatur errichtet, gegen die jeder Widerstand wie ein Anrennen gegen Windmühlen wirkt. Hinzu kommt ein Ensemble, das mit fast schon stoischen Gelassenheit agiert. Angesehen von einigen Schockelementen durch laute Musikeinspielungen sind die Handlungen der Schauspieler von einer verstörenden Normalität bestimmt.

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